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Texte von Josef Zolk


 

 


30.12.2016

Ohne Raiffeisen und Schulze-Delitzsch wäre die Welt ärmer.

Im 19. Jahrhundert führten Bauernbefreiung, Industrialisierung und zunehmende Land-Stadt-Migration zu einer Verschärfung des Existenzkampfes auf dem Land und zu einem Niedergang traditioneller Strukturen im Handwerk. Um den sozialen Missständen in der Stadt und auf dem Land zu begegnen, schlossen sich Arbeiter und Landwirte unter anderem zu verschiedenen Genossenschaften zusammen.

Im Widerstreit zwischen beharrenden Kräften und Reformern haben die deutschen Territorialstaaten bereits zu Beginn des Jahrhunderts die Zünfte aufgelöst, die Gewerbefreiheit und die Bauernbefreiung eingeleitet. Handwerker und Bauern waren den Bedingungen des Wettbewerbs und der modernen Massenproduktion großenteils nicht gewachsen und oft gezwungen, ihre Selbstständigkeit zugunsten einer lohnabhängigen Fabrikarbeit aufzugeben. Es fehlten oft Kapital sowie technisches und kaufmännisches Know-how, um in einer zunehmend liberalisierten Wirtschaft zu überleben. Gerade die Bauern konnten sich kaum ihrer auf Freiherr vom Stein und Hardenberg zurückgehenden neu gewonnenen Freiheitsrechte erfreuen. Stattdessen gerieten sie in finanzielle Bedrängnis, wobei sie - anstatt von ihren früheren Grundherren, die immerhin gewisse Schutzpflichten gegenüber den Untertanen hatten - nun häufig von wenig skrupellosen Geldverleihern abhängig wurden. Zusätzlich verschärft wurde ihre Situation oftmals durch den Verlust von Vieh sowie Missernten infolge schlechter Witterungsbedingungen.

Zusätzlich zu den schlechten Voraussetzungen, unter denen die Handwerker und Bauern gleichermaßen litten, trugen ausländische Billigimporte sowie Schädlinge und Krankheiten zur Existenzkrise bei.   An vielen Orten entstanden Vereine und Gruppen, in denen sich die Bauern oder Handwerker zusammenschlossen, um der Not abzuhelfen und um sich gegenseitig zu stützen. Viele andere wanderten aus.

So entstand in Württemberg  z. B. die erste Kreditgenossenschaft. Am 11. August 1843 gründeten 50 Mitglieder die Öhringer Privatspar- und Leihkasse. Der Verein sollte „einerseits seinen Mitgliedern sichere Gelegenheit zu nutzbringender Anlegung von Ersparnissen geben, andererseits aber durch Anleihen gegen Bürgschaft oder auf Faustpfand den Personalkredit heben".

Wenige Jahre später erlebte Friedrich Wilhelm Raiffeisen im Westerwald die Not der Bevölkerung. Nach einer Missernte im Winter 1846/47 gründete er - um die Bewohner gegen die Hungersnot zu unterstützen - den „Weyerbuscher Brodverein", der vor allem auf Wohltätigkeit beruht. Das Land Preußen und wohlhabende Bürger stellten Geld für den Kauf von Mehl zur Verfügung, die Armen erhielten Brot gegen Schuldscheine - dies gegen den erklärten Willen des Landrats. 1949 gründete Raiffeisen den „Flammersfelder Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirthe", die Keimzelle seiner genossenschaftlichen Überlegungen, wie er später in einem Brief an den Fürsten zu Wied schrieb. 1862 folgten die ersten auf wirtschaftlichen Prinzipien beruhenden Kreditgenossenschaften, so der Darlehenskassenverein Anhausen und Vereine z.B. in Heddesdorf, Engers, Feldkirchen.

Raiffeisens Ideen und sein Handeln wurzelten tief in seinem christlich geprägten Lebensverständnis, das keinen Raum ließ für rein liberalistische oder sozialistische  Vorstellungen, wenn sie atheistische Linien aufwiesen.  Dagegen gebrauchte er immer wieder selbst   für die Bezeichnung seines Wirkens die Formulierung „christlich-sozialistisch", um darauf hinzuweisen, dass die Idee seiner Darlehnsvereine/seiner Genossenschaften eine christlich-ethische Grundlage habe, zumal sein Leben und Wirken ohne die christliche Verwurzelung nicht verstehbar ist. „Würden überall solche Vereine gegründet, fände dabei eine allseitige Beteiligung statt und würden dieselben im rechten Geiste geleitet, so dass sie die Pflanzstätten echt christlichen Gemeinsinnes, echt christlichen gemeinnützigen Zusammenwirkens würden, so könnte man der Zukunft ruhiger entgegensehen", so Raiffeisen selbst.

Zur Zeit Raiffeisens und gerade in seinem Wirkungsfeld stand die fundamentale Bedeutung der Landwirtschaft außer Frage, er selbst sah im guten Bestehen der ländlichen und hauptsächlich landwirtschaftlichen Bevölkerung den Garanten für das gute Bestehen der ganzen Gesellschaft und des Staates (Juhani Laurinkari).

Zur gleichen Zeit organisierte Hermann Schulze-Delitzsch in seiner Heimatstadt die „Schuhmacher-Assoziation", um die Situation des Mittelstands zu verbessern. Erstmalig schlossen sich Handwerker mit dem Ziel zusammen, durch gemeinsamen Einkauf wirtschaftliche Vorteile zu erlangen, ohne dabei ihre Selbstständigkeit aufzugeben. 1850 nahm der „Eilenburger Vorschussverein" seine Tätigkeit auf. Die Mitglieder und damit die Eigentümer stellten Geld zur Verfügung, bildeten so die Grundlage der Genossenschaft und bestimmten ihre Unternehmenspolitik.

Schulze-Delitzsch schaffte auch die Grundlage für die entscheidende Phase der modernen Genossenschaften. Der engagierte liberale Politiker und pragmatische Jurist erkannte, dass die Genossenschaftsidee der gesetzlichen Grundlage bedarf. 1861 zog er in das neu konstituierte Preußische Abgeordnetenhaus ein. Als erster legte er einen Gesetzentwurf vor, der die Prinzipien einer genossenschaftlichen Organisation enthielt und die Unsicherheit in der Frage der Rechtsform beenden sollte. Eine Genossenschaft sollte Personen vereinigen, die ein Bedürfnis nach ähnlichen Leistungen haben und schon vorher eine soziale Gruppe von Gleichen darstellen. Schulze-Delitzsch plädierte für gleiche Rechte und Pflichten der Mitglieder und für das Prinzip „Ein Mann-Eine Stimme". Am 27. März 1867 wurde das erste preußische „Gesetz betreffend die privat-rechtliche Stellung der Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften" erlassen. Es entsprach  in allen wesentlichen Punkten dem Entwurf Schulze-Delitzschs. Das Gesetz beruhte auf den Grundlagen, die im Grundsatz bis heute das deutsche Genossenschaftsgesetz prägen:

  • Selbsthilfe
  • Selbstverwaltung
  • Selbstverantwortung
  • Gleichberechtigung des einzelnen in der kooperativen Gruppe
  • Solidarische Haftung der Gruppe
  • Ablehnung staatlicher Fremdhilfe

 

Wesentlich für die andauernde Durchsetzung der modernen Genossenschaften waren sowohl der von Schulze-Delitzsch auf den Weg gebrachte gesetzliche Rahmen, der die zentralen Rechtsgrundlagen schaffte, sowie die realen sozialen und wirtschaftlichen Umstände, die zu Recht von den Zeitgenossen als menschenunwürdig und abhilfebedürftig empfunden wurden. Die ökonomische Situation, die neuen rechtlichen Grundlagen, die persönliche Betroffenheit der Menschen mit gleichen Interessen bzw. Notlagen, schufen die Voraussetzungen zu einer  Kooperation, in der sich der Mensch nicht als verlorener Einzelner sondern als Glied einer größeren Gemeinschaft fühlen konnte. Die durch die rechtliche Basis ermöglichte und gesicherte Ordnung von unten stabilisierte die punktuell vorhandenen Ideen und formte den Boden für langfristige Kooperationen. So war eine Konstellation - ein Boden - zur Entwicklung von politischen und sozialen Strukturen da, die offen war für programmatische Neuerungen. Die modernen Genossenschaften setzten Analyse und Protest um in menschenwürdigere Strukturen, ohne an den Grundfesten der staatlichen Ordnung zu rütteln.

Die Geschichte der Genossenschaften zeigt einen kurvigen, aber erfolgreichen Weg, weil das Soziale eine große Integrationskraft entwickelt hat. Die Vereinigung kleiner Kräfte entwickelte eine große Kraft, so beschrieb es Victor Huber. 

Bei Raiffeisen gab es zwei außerordentlich wichtige Gründe, die seinen Vorstellungen zum endgültigen Durchbruch verholfen haben. Einmal der Fürst zu Wied, der in der Tradition seines Hauses für soziale Fragen aufgeschlossen war und der den Heddesdorfer Bürgermeister Raiffeisen nicht nur kennen sondern gerade auch dessen Überlegungen zur sozialen Entwicklung schätzen lernte. Über 60 Briefe von Raiffeisen an Fürst Wilhelm zu Wied geben beredtes Zeugnis über den Gedankenaustausch. Und was Hermann Schulze-Delitzsch durch seine herausragenden politischen Ämter und Verbindungen nutzte, unterstützte Wilhelm zu Wied für Raiffeisen gegenüber der preußischen Regierung.

Der zweite wesentliche Katalysator für die sich schnell verbreiternden Raiffeisen-Ideen

waren die in seinem Heddesdorfer Amtsbezirk und im Umfeld existierenden Landwirtschaftlichen Vereine, die dem Dachverband des „Landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreußen" angegliedert waren, dieser Dachverband war bereits im Jahre 1840 gegründet worden. Schon früh zeigten die Bauernvereine die ökonomischen Vorteile sowie die ideelle Bedeutung der Genossenschaften auf und stellten Selbsthilfe und Selbstverantwortung gegen untätige Schicksalsergebenheit. Raiffeisen wurde ein Forum zur Verbreitung seiner Ideen durch diese Vereine zur Verfügung gestellt. Wesentlichen Anteil daran hatte Johann Nikolaus Thilmany, Generalsekretär des Dachverbandes von Rheinpreußen, der bereits 1872 Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Bitburg/Eifel wurde. Er warb sehr intensiv für die Verbreitung der Darlehnskassen-Vereine. 1867 beschloss der Dachverband: "Die Gründung und Pflege der Darlehnskassen-Vereine nach dem Systeme des Bürgermeisters a. D. F.W. Raiffeisen zu Heddesdorf ist als eine Vereinsangelegenheit zu betrachten, solche Vereine sind über den ganzen Vereinsbezirk zu organisieren und demzufolge ist der Vorstand des Vereins und die Direktion der Lokalabteilungen aufzufordern, diese Organisation auf alle Weise zu fördern und sich zur besonderen Aufgabe ihrer künftigen Tätigkeit zu machen". 

1868 errichtete der Landwirtschaftliche Verein Rheinpreußens sogar eine besondere Hilfsabteilung für das Darlehnskassenwesen und übertrug Raiffeisen die Ressortleitung. So arbeiteten bereits 1870, vier Jahre nach Erscheinen seines Buches über die Darlehnskassen, 75 Vereine in der Rheinprovinz nach diesem Muster.

Unzählige kapitalarme Bauern fanden so Zugang zu erschwinglichen Darlehen zum Kauf von Saatgut und Maschinen und ihre Genossenschaft verhalf durch gemeinsame Verwaltung zu besseren Ernteerlösen. Raiffeisens Werk galt   Zeitgenossen als wichtigster singulärer Beschleunigungsfaktor der landwirtschaftlichen Entwicklung. An vielen Stellen in Preußen und dann im Deutschen Reich gründeten andere Persönlichkeiten (z. B. die Reichstagsabgeordneten Dasbach und Schorlemer-Alst oder Wilhelm Haas) genossenschaftliche Gruppen auf den geistigen Grundlagen von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen, alle diese Organisationen trugen im Ergebnis dazu bei, wichtige gesellschaftspolitische und soziale Themen zusammenzuführen, Organisationskraft zu entwickeln, politischen Einfluss zu nehmen und die Genossenschaftsidee insgesamt zu stärken und zu fördern.

 

Nachtrag: Hermann Schulze-Delitzsch, Mentor des Genossenschaftsgesetzes, und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, sie waren ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Wegbereiter der modernen Genossenschaftsidee. So unterschiedlich ihre geistesgeschichtlichen Voraussetzungen waren, sie legten die Grundsteine. Zu Recht nahm die UNESCO die Genossenschaftsidee in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Wer die Diskussion in Addis Abeba erlebt hat, spürte nicht nur die weltweite Akzeptanz dieser Idee sondern auch die Hoffnungen, die an Kraft von Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung geknüpft sind. Im Alltag bedeutet dies für viele Menschen auf allen Kontinenten: mehr Teilhabe, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Demokratie.

Im Jahre 2018 wird die deutsche Raiffeisenfamilie - hoffentlich auch in Kooperation mit vielen Raiffeisenorganisationen im Ausland -  den 200. Geburtstag des am 30. März 1818 in Hamm/Sieg geborenen und am 11. März 1888 in Neuwied gestorbenen Friedrich Wilhelm Raiffeisen - als Zeichen des Dankes und des Auftrages feiern im Sinne Goethes: „Was Du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen" . Das Motto dazu lautet:

Mensch Raiffeisen. Starke Idee!


„Genossenschaftsidee" gehört zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit

Erster deutscher Antrag auf Aufnahme in die „Repräsentative Liste" erfolgreich

Die Genossenschaftsidee gehört zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Dies hat das Internationale Komitee für die Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO in Ad- dis Abeba bekanntgegeben. Es handelt sich um den ersten Vorschlag aus Deutschland zur Aufnahme in die „Repräsentative Liste". 2015 hatte die deutsche UNESCO-Vertretung ihre erste internationale Nominierung mit dem genauen Titel „Idee und Praxis der Organisation von gemeinsamen Interessen in Genossenschaften" eingereicht.

Die Aufnahme ist eine Würdigung des Erbes von Raiffeisen und Schulze-Delitzsch

Zu der Entscheidung erklärt Josef Zolk, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Fried- rich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft: „Wir sind hocherfreut darüber und dankbar, dass auf diese Weise die Väter der Genossenschaften in Deutschland, Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, eine Würdigung erhalten - für die Grundlegung einer Idee, die heute mehr denn je von großer Relevanz ist. Allein in Deutschland sind über 20 Millionen Menschen in Genossenschaften organisiert."

Dr. Manfred Wilde vom Vorstand der Deutschen Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft meint: „Mit der Aufnahme wird gleichermaßen das Erbe von Raiffeisen und Schultze-De- litzsch gewürdigt: Das Konzept eines allen Interessenten offen stehenden, überkonfessio- nellen Modells der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung auf Grundlage von Kooperationen."

Raiffeisen und Schulze-Delitzsch schufen Grundlagen für Genossenschaftsidee

Die Deutsche Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft und die Deutsche Friedrich-Wilhelm Raiffeisen-Gesellschaft hatten die Nominierung der Genossenschaftsidee für die Aufnahme in die Repräsentative Liste gemeinsam vorangetrieben. Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen schufen Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidende Grundlagen für die Genossenschaftsidee, die heute weltweit wirkt, und gründeten die ersten genos- senschaftlichen Organisationen moderner Prägung in Deutschland.

Die Repräsentative Liste soll eine bessere Sichtbarkeit des Immateriellen Kulturerbes ge- währleisten, das Bewusstsein für seine Bedeutung stärken und den Dialog bei gleichzeitiger Achtung der kulturellen Vielfalt fördern. Sie verzeichnet vielfältige immaterielle kulturelle Aus- drucksformen aus allen Weltregionen. Dem 2006 in Kraft getretenen UNESCO-Übereinkom- men zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes war Deutschland im Jahr 2013 beigetreten.


September 2016

Ein Beitrag zur Geschichte der Verbandsgemeinde Flammersfeld

Dr. Franz-Josef Wuermeling ging für Flammersfeld ins Gefängnis - dort fand auch seine Verlobung statt.

Dr. Franz-Josef Wuermeling, der spätere rheinland-pfälzische Landtagsabgeordnete (1947 bis 1951) und Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Altenkirchen/Neuwied (1949 bis 1969) und langjährige Bundesfamilienminister (1953 bis 1962) , leitete vorübergehend die kommunalen Geschicke des Amtes Flammersfeld und wurde dafür von den Franzosen 1923 ins Gefängnis geschickt.

Im Einzelnen:

Dr. Franz-Josef Wuermeling verbrachte zu Beginn der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts seine juristische Referendariatszeit im Altenkirchener Landratsamt. Sein oberster Chef vor Ort war kein geringerer als Landrat Dr. Wilhelm Boden, der später erst von den Nazis abgesetzt und juristisch verfolgt, nach dem 2. Weltkrieg von den Franzosen wieder als Altenkirchener Landrat eingesetzt, dann zum Regierungspräsidenten und kurz danach zum ersten Ministerpräsidenten des neugebildeten Landes Rheinland-Pfalz ernannt wurde. Die Zeiten waren außergewöhnlich: Zu Beginn   des Jahres 1923 marschierten französische und belgische Truppen in das Ruhrgebiet ein, um die französischen Reparationsansprüche durchzusetzen. Zwischen den besetzten Brückenköpfen von Köln und Koblenz lag der sogenannte „Flaschenhals", der sich vom Rhein bis hinauf in Teile der Amtsbürgermeisterei Flammersfeld, das am 26.Februar 1923 besetzt wurde,  hinzog, während die übrigen Teile des Kreises Altenkirchen im Gegensatz zum Kreis Neuwied unbesetztes Gebiet blieben. Die Reichsregierung rief zum passiven Widerstand, der erst am 24. September 1923 durch Reichskanzler Gustav Stresemann aufgehoben wurde, gegen die Besatzung auf. Diesem Aufruf zum passiven Widerstand folgte der seit 1910 amtierende Flammersfelder Amtsbürgermeister Fritz Heymann (er wird nach der Besatzungszeit sein Bürgermeisteramt dann bis 1928 wieder ausüben) konsequent, er wurde dieser pflichttreuen Haltung gegenüber den deutschen Behörden von den Franzosen abgesetzt und am 5. März 1923 verhaftet. Die Bürgermeisterei blieb nach Flucht des übrigen Personals verwaist und wurde aus dem unbesetzten Teil mit verwaltet. Um wieder eine Verbindung zwischen der Besatzung und der Bevölkerung herzustellen, wurde Flammersfeld in Besatzungsfragen dem besetzten Kreis Neuwied zugeteilt und ein neuer Bürgermeister eingesetzt. Wegen der besonderen Herausforderungen, die mit dieser Aufgabe verbunden waren, beauftragte im Juni 1923  der Oberpräsident in Koblenz provisorisch den Referendar ohne Familienpflichten, Dr. Franz-Josef Wuermeling, die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters in Flammersfeld zu übernehmen und sich zur Einführung in dieses Amt durch den Landrat von Neuwied in Flammersfeld einzufinden.

Es war sicher nicht einfach, in dieser Zeit des passiven Widerstandes an Rhein und Ruhr und der sich    ins unermessliche steigernden Inflation (auch Dr. Wilhelm Boden machte in dieser Zeit „sein" Notgeld) eine Bürgermeisterei mit 33 kleinen Landgemeinden zu führen und die Klippen der Besatzungsverhältnisse zu umschiffen, um für die Bevölkerung das Beste aus der schwierigen Situation herauszuholen. Insbesondere galt es, die staatlichen Unterstützungen der „Rhein- und Ruhrhilfe" an die im Zuge des passiven Widerstandes streikenden Arbeiter auszuzahlen, von deren Unterstützung die Besatzungsbehörde aber nichts erfahren durfte. Wegen der dramatisch zunehmenden Inflation war es aber nicht mehr möglich, die notwendigen Geldscheine rechtzeitig zu beschaffen, deswegen ging Wuermeling dazu über, Schecks auf die Linzer Sparkasse als Notgeld auszugeben. Der Weg nach Linz kam Wuermeling insoweit entgegen, als in Linz seine zukünftige Frau Maria wohnte, die ihn beim Vorbereiten der auf Hunderttausende und Millionen lautenden Schecks unterstützte. Mit prall gefülltem Rucksack unterschriebener Schecks fuhr Wuermeling dann zurück nach Flammersfeld, wo er „sein" Notgeld den Ortsbürgermeistern zur weiteren Verteilung aushändigte.

Wuermeling hielt sich an die Vorschriften der deutschen Behörden, keinerlei Anordnungen der Franzosen umzusetzen, andererseits gelang es lange, sich gegenseitige Schikanen zu ersparen.

Am 12. September 1923 aber erfuhr Wuermeling, der sich auf der nicht genehmigten Rückfahrt vom umbesetzten Altenkirchen nach Flammersfeld befand, dass ihn die Franzosen verhaften wollten. Als er in Flammersfeld ankam, konnte er gerade noch die Vergrabung einiger nicht für die Franzosen bestimmten Akten und die Auszahlung der Rhein- und Ruhrhilfe veranlassen. Kurz darauf wurde er von einem französischen Gendarm trotz seines förmlichen Protests verhaftet und in sein Hotelzimmer gebracht, das er nicht verlassen durfte und das von einem aus Marokko stammenden Soldaten bewacht wurde.

Am 15. September wurde Wuermeling zuerst nach Neuwied und einen Tag später nach Koblenz ins Gefängnis (Abteilung für politische Gefangene) gebracht, wo er und seine 25 anderen Leidensgenossen nach seinen eigenen Aufzeichnungen sehr gut behandelt wurden. Wuermeling bemerkt in seinen unveröffentlichten Erinnerungen, die mir vorliegen, dass er in der Gefängniszeit das Bürgermeistergehalt (zusätzlich Tage- und Übernachtungsgelder) für Flammersfeld erhielt. Dieses täglich ausbezahlte Gehalt belief sich inflationsbedingt zu Beginn der Internierungszeit auf täglich 122 Millionen Mark und steigerte sich bis zum 1.10.1923 auf täglich 1 Milliarde Mark.

Franz-Josef Wuermeling und Maria Pöllmann hatten ihre Verlobung für den 7. Oktober 1923 geplant, sie fand, wie die Verlobungsanzeige im „Altenkirchener Kreisblatt" zeigt, im Koblenzer Gefängnis- franz. Gefängnis- statt, die Gefängnisleitung erlaubte zwei gemeinsame Stunden zur Feier des Tages.

Am 11. Oktober 1923 wurde Wuermeling in das Landgerichtsgefängnis nach Bonn verlegt, weil seine Sache als Behördenleiter nicht vor dem Polizeigericht in Koblenz sondern vor dem Militärgericht in Bonn verhandelt werden sollte. Wuermling vermerkt in seinen Aufzeichnungen, dass seine Lage und die seiner 30 Mitgefangenen nicht „unangenehmer" war als in Koblenz, obwohl man in Bonn kein Geld im Gefängnis haben durfte.

Am 17. Oktober fand vor den Untersuchungsrichtern die Vernehmung statt. Nach kurzer Verhandlung wurde Wuermeling  aufgrund seines „Ehrenwortes zur Verfügung des Kriegsgerichtes zu stehen" entlassen. Wegen seines Hinweises auf seine durch die Verlobung vollzogene familiäre Bindung erreichte er es sogar,  sich in Linz aufhalten zu dürfen.

Nach fünf Wochen Haft war Dr. Franz-Josef Wuermeling also wieder auf freiem Fuß, seine Flammersfelder Amtszeit war ebenso beendet.

(Quellen: Unveröffentlichte Erinnerungen von Dr. Franz-Josef Wuermeling, Landeshauptarchiv)

 


September 2016

Genossenschaftswesen und Solidarität

Die moderne Genossenschaftsidee ist eine weitreichende gesell-schaftliche und institutionelle Innovation, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Deutschland ausgehend - inzwischen weltweit verbreitet hat und von Generation zu Generation weitergegeben wird. In ihrem institutionellem Kern, einem Bündel von Prinzipien, Regeln und Werten zum Zusammenwirken von Menschen - seit Beginn im Grundsatz unverändert - gelingt es, dieses Regelwerk zur Bewältigung immer wieder neuer Herausforderungen für Menschen zu nutzen und solidarisches Handeln zu stärken.

Dieser Kern besteht aus Eigeninitiative, Bereitschaft zur Verantwortung, einem langfristig orientiertem Umgang mit Menschen, Natur und Struk-turen sowie einer lokalen Vernetzung und Verwurzelung. Durch die  genossenschaftliche Zusammenarbeit werden und wurden wirtschaft-liche Existenzen, soziale und kulturelle Projekte möglich, die sonst unter-blieben wären oder unterbleiben würden.

Genossenschaften selbst sind wertvolle Gesellschaftsmitglieder, die Stabilität, Sicherheit, Kontinuität vermitteln, Solidarität hervorrufen, Ausgrenzung und Ausbeutung verhindern sowie soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit fördern. So wird die wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe zahlreicher Menschen möglich.

Gerade in Zeiten großer und weitreichender Veränderungen bieten die Genossenschaften Problemlösungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Staatsunabhängig und eigenverantwortlich werden Chancen zur Beteiligung geboten, die gestalterische Kräfte freisetzen.

Genossenschaften sind von Anbeginn an parteipolitisch und religiös ungebunden und bieten, wie zum Beispiel die Erfahrungen mit Frauen-genossenschaften seit dem frühen 20. Jahrhundert in Deutschland oder auch gegenwärtige Beispiele aus Entwicklungsländern zeigen, gute emanzipatorische und partizipatorische Möglichkeiten.

 

Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch sind

diejenigen, die Mitte des 19. Jahrhunderts die moderne Genossen-schaftsidee entscheidend vorwärts gebracht haben.

Schulze-Delitzsch, 1808 in Sachsen, Raiffeisen 1818 im Westerwald geboren, beide Landstriche gehörten nach dem Wiener Kongress zu Preußen, waren unabhängig von einander davon überzeugt, dass

  • Selbsthilfe
  • Selbstverantwortung
  • Selbstverwaltung

den Menschen neue Chancen bieten würden.  Die Entwicklung gab und gibt ihnen Recht.

Heute sind rd. 1 Milliarde Menschen weltweit in Genossenschaften organisiert, wobei es natürlich unterschiedliche Rechtsvoraussetzung gibt. In Deutschland sind in über 8.000 Genossenschaften rd. 21 Millionen Menschen Mitglied.

Zäsuren erfuhr die Genossenschaftsidee im Kolonialzeitalter, als Exportgenossenschaften deutsche Kolonialinteressen vertraten oder im Nationalsozialismus, als die Genossenschaften gleichgeschaltet wurden. Auch während der Deutschen Teilung von 1946 bis 1989 wurden die Genossenschaften den politischen Verhältnissen und deren verfas-sungsrechtlichen Grundlagen angepasst.

Raiffeisen und Schulze-Delitzsch lebten in einer Zeit großer Dynamik, in einer Zeit des Wandels und des Umbruchs mit einer ungeheuren Dichte von Veränderungen und Neuerungen. Es war eine Epoche der Gegensätze, in der Altes noch Bestand hatte, aber Neues daneben sich immer stärker ausbildete. Es war eine Zeit der Idylle, aber auch eine Zeit der Verdächtigungen und Verfolgungen, der Verhaftungen und Verurteilungen. Es war die Zeit des behaglich-privaten Lebens im kleinbürgerlichen Milieu des „Biedermeier", und es war zugleich die Zeit, in der immer mehr Menschen politisches Bewusstsein entwickelten und von den Herrschenden die Teilhabe an der Macht forderten. Genossenschaften leisteten und leisten einen großen Beitrag,  Armut zu verringern, Arbeitsplätze zu schaffen und soziale Teilhabe zu sichern.

Genossenschaftsmitglieder sind zugleich Kunden und Eigentümer des Unternehmens „Genossenschaft". Die Mitglieder berufen Vorstand und Aufsichtsrat. Genossenschaftsanteile sind nicht am Kapitalmarkt handel-bar und somit der Spekulation entzogen.

Genossenschaften gibt es heute in allen Teilen der Welt, oft sind sie entscheidende Motoren bei der Entwicklung der Länder. „Einer für alle, alle für einen", das trägt. Oder anders formuliert: „Was einer nicht allein schaffen kann, das schaffen viele"

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen erklärte das Jahr 2012zum Internationalen Jahr der Genossenschaften. Sie begründete ihren Beschluss damit, dass Genossenschaften die Mitwirkung der Menschen an der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung fördern und zur Beseitigung der Armut beitragen. Diese Überlegungen sind auch der Hintergrund für die Bewerbung der Genossenschaftsidee als Immaterielles Kulturerbe der UNESCO. Genossenschaften bieten ein großes Potenzial für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung und stellen eine besondere Wirtschafts- und Unternehmensform dar.

Genossenschaftliche Solidarität steht für „kollektive Selbsthilfe". Durch die Bindung des Einzelnen an die genossenschaftliche Zusammenarbeit kommt es natürlich zu einem Abbau der unternehmerischen Souverä-nität, dem steht aber eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten durch die Kooperation zur Seite. Auf diese Weise wird es möglich, dass Einzelne - auch wirtschaftlich eher Schwächere - die Chance erhalten, am Markt teilzunehmen und sich zu behaupten. Die personengebundene Mitbestimmung und Mitwirkung in Genossenschaften sind geradezu „Garanten einer aktiven Freiheit in der wirtschaftlichen Betätigung". Die genossenschaftlichen Selbsthilfeorganisationen haben mit dazu beige-tragen, dass die Bundesrepublik im Kern ein Land ausgeprägter kleiner und mittlerer Unternehmen ist und sich seit dem 19. Jahrhundert ein breiter Mittelstand etablieren konnte. Aufgrund ihrer besonderen Art der Geschäftstätigkeit, die sich in einer eher uneigennützigen Orientierungniederschlägt, stoßen Genossenschaften Umfragen zufolgeauf positive Zustimmung in der Bevölkerung und verfügen dadurch über besondere Legitimität. Diese Einschätzung ist möglicherweise auch dadurch entstanden, dass sich die genossenschaftlich organisierten Banken in der Finanzkrise als beson-ders robust erwiesen haben, wobei in den letzten Jahren/Jahrzehnten die Zahl der genossenschaftlichen Geldinstitute abgenommen hat. Das ist kein abnehmendes Interesse an der genossenschaftlichen Idee, wie die vielen Neugründungen von Genossenschaften zeigen. Der Rückgang der Zahl der genossenschaftlichen Geldinstitute wird allein durch die vielfältigen Fusionen begründet. In Deutschland gibt es Neugründungen vor allem in den Feldern Energie und Soziales/Gesundheit.

Genossenschaften sind in Deutschland ein wichtiger Teil der marktwirtschaftlichen Ordnung, dabei sind sie nicht per se die besseren Unternehmen. Sie sind auch nicht die Lösung für alle sozialen, kommunalen oder arbeitsmarktpolitischen Probleme. Aber sie fundieren auf Grundprinzipien und Werten, die es ihnen ermöglichen, anders zu wirtschaften und dabei nicht Kapitalinteressen, sondern die Interessen ihrer Mitglieder in den Vordergrund stellen. Sie können Menschen in die Lage  versetzen, ihre wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Belange selbst in die Hand zu nehmen. Und sie stehen dafür, den ordnungs-politischen Rahmen im Sinne einer wirtschaftsdemokratischeren Ausrich-tung zu gestalten.

Genossenschaften haben keinen öffentlichen Auftrag. Allerdings zeigen sich häufig positive Effekte, die eine dem Gemeinwohl dienende Wirksamkeit zur Folge haben.

Genossenschaften sind innovative Kooperationsunternehmen mit demokratischer Grundstruktur, die sich positiv von den Auswüchsen des Shareholder-Value-Kapitalismus abheben und sich ausdrücklich zur Member-Value-Strategie bekennen. Genossenschaftsanteile werden auch nicht an der Börse gehandelt. Genossenschaften stehen mit den internationalen Menschenrechtsübereinkünften ebenso in Einklang wie mit dem Anspruch gegenseitiger Achtung von Gemeinschaften, Gruppen und Einzelpersonen.

Die genossenschaftliche Form der privatwirtschaftlich-kooperativen Wirtschaftsweise ist zwischen den Polen des Individualismus und des Kollektivismus angesiedelt. Sie verkörpert die Synthese von Tradition und Wandel, Freiheit und Bindung, Selbstständigkeit und solidarischem Handeln.

 


 

September 2016

Reform heißt: Planvolle und gewaltlose Umgestaltung bestehender Verhältnisse

Sehr viel wird seit langem und jetzt nach der Landtagswahl konzentrierter und intensiver über die „Kommunal- und Verwaltungsreform" in Rheinland-Pfalz diskutiert, auch im Landkreis Altenkirchen. Daaden-und Herdorf sind schon vor den Landtagswahlen fusioniert worden und Gebhardshain und Betzdorf vollziehen diesen Schritt zum Jahreswechsel 2016/2017. Jetzt im September werden bereits der zukünftige Bürgermeister und der Verbands-gemeinderat der gemeinsamen Verbandsgemeinde gewählt. Das alles ist bekannt. Jetzt läuft die Diskussion um die Zukunft der Verbandsgemeinde Flammersfeld. Auch das ist bekannt und war Kundigen lange vorhersehbar. Auch im Landkreis Neuwied zeichnen sich gebiets-mäßige Umstrukturierungen bei Rengsdorf und Waldbreitbach ab, ggfs. bei Puderbach und Dierdorf und bei Verbandsgemeinden am Rhein.

Das Ganze läuft unter politisch unter dem Begriff „Kommunal- und Verwaltungsreform" - und da wird es spannend. Denn Reform bedeutet „Umgestaltung und Erneuerung von vorhan-denen gesellschaftlichen oder politischen Verhältnissen, um sie zu bessern" oder eine „planvolle und gewaltlose Umgestaltung bestehende Verhältnisse". So jedenfalls drücken es   Lexika-Einträge aus.

Rheinland-Pfalz hat zurzeit bei ca. 4 Millionen Einwohnern rund 2.300 eigenständige Kommunen, mehr als jedes andere Land in der Bundesrepublik, Nordrhein-Westfalen hat bei ca. 17,8 Millionen Einwohnern ca. 400 Kommunen. Natürlich hängt dies in Rheinland-Pfalz mit den vielen Ortsgemeinden zusammen, von denen rund 600 unter 300 Einwohner haben. Bereits seit Jahren ist es dem Innenminister per Ministerentscheid möglich, Ortsgemeinden unter 300 Einwohnern mit anderen Ortsgemeinden zusammen zulegen. Natürlich stellen die Ortsgemeinden einen historischen und kulturellen Wert an sich dar und binden viele    Bürgerinnen und Bürger in ehrenamtliche Tätigkeiten ein. Das gelingt aber auch in zusammengeschlossenen Kommunen in den jeweiligen Ortschaften, wie viele Beispiele gerade auch in Rheinland-Pfalz zeigen.

Jetzt geht es also um die Zukunft der Verbandsgemeinden, die sicherlich nicht die Identifika-tionskraft haben wie Ortsgemeinden, auch das ist bekannt. Aber es geht (noch) nicht um die Grenzen der Landkreise. Die damit zusammenhängenden Fragen sollen erst dann diskutiert werden, wenn in über einem Jahr ein entsprechendes Gutachten vorliegt. Natürlich soll man das Gutachten abwarten, aber dann ist es nur sinnvoll, auch mit weiteren Gebietsänderungen bei Kommunen an den Grenzen der Landkreise zu warten, bis die Landkreisregelungen getroffen sind. Jetzt wird der zweite Schritt vor dem ersten getan.

„Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande", sagt Goethe in Maximen und Reflexionen. Und das trifft genau auf viele der jetzt angestrebten Gebietsänderungen zu. Da werden vor den notwendigen Regelungen bei den Landkreisen Gebietsänderungen bei den Verbandsgemeinden vorwärtsgetrieben (wohl auch um den Gerichten zu zeigen, dass die Zwangsfusionen der letzten Jahre keine Eintagsfliegen waren) und an die dringend notwendigen Zusammenfassungen von Ortsgemeinden geht auch niemand. Da wird nicht nur das erste Knopfloch verfehlt. Mit planvoller politischer Reform hat dies alles nichts zu tun - das sind reine Gebietsänderungen, ohne genaues Konzept, zumal wenn man weiß, dass Kommunen vorgegeben wurde/wird, sucht euch Partner. Und wenn das nicht klappt, bekommt ihr einen Partner von uns. Das klingt nach dem Motto: Wenn ihr keine Braut findet, bekommt ihr sie von uns.  

 

 

Das ist eher die mühevolle Abarbeitung früherer politischer Beschlüsse durch die beauftragte Landesverwaltung - ohne zu prüfen, ob die vorgesehene zeitliche Abfolge und die Wege richtig sind. Dass kein falscher Eindruck entsteht: Ich halte eine sinnvolle Neustrukturierung für notwendig, bei Ortsgemeinden, bei Verbandsgemeinden, bei Landkreisen. Und ich frage natürlich auch, ob 16 Länder in der Bundesrepublik noch die zukunftsweisende Struktur darstellen. Das Grundgesetz gibt keine verfassungsrechtliche Garantie für den Bestand einzelner Länder, ebenso wenig wie für eine bestimmte Anzahl von Ländern. Aber man darf   auf eine vernünftige Kommunalreform in Rheinland-Pfalz nicht so lange warten, bis dies regelungsreif wäre. Und doch ein Hinweis: Von 16 Ländern  erhalten 12 Mittel aus dem Länderfinanzausgleich (2015 über 9 Mrd.); darüber hinaus erhielten 2013 auch 12 Länder  zusätzlich Bundesergänzungszuweisungen. Natürlich ist es richtig, dass aus der Fusion zweier finanzschwacher Länder noch kein finanzstarkes neues Land wird. Dies gilt natürlich auch bei Gebietsänderungen von Kommunen.

Nur noch wenige Kommunen können ihren Haushalt ausgleichen, nur noch wenige Kommunen können ihre Aufgaben, die ihnen oft auch von außen aufgegeben sind (zum Beispiel im Kinder- und Schulbereich) bezahlen. Bund und Länder bürden den Kommunen  neue Aufgaben auf, ohne die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen, sie lassen die Kommunen finanziell ausbluten und zerstören die kommunale Selbstverwaltung von außen. In Rheinland-Pfalz wird zu recht oft der aus Nassau stammende Freiherr vom Stein zitiert. Stein wolle die freie Gemeinde, er wollte finanziell gesunde Gemeinden. Davon sind wir weit entfernt. Man hat den Eindruck, dass mancher plant, über den finanziellen Tod der Kommu-nen die Gebietsreform gerade bei den kleinen Ortsgemeinden zu beschleunigen. Wer eine vernünftige Kommunalreform will, muss die richtigen Fragen stellen, denn falsche Fragen bringen falsche Antworten. Es macht keinen Sinn, ohne Aufgabenkritik über eine Änderung der Verwaltungsstrukturen zu entscheiden. Die Abschaffung der Bezirksregierung und der nachfolgende Aufbau der Struktur- und Genehmigungsdirektionen (SGD) bzw. der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) macht doch das Gesamtproblem mehr als deutlich. In anderen kleinen Ländern in der Bundesrepublik sieht man deutlich, dass es auch ohne Zwischeninstanzen geht.

Es ist zu fragen: Welche Aufgaben sind den Ministerien vorbehalten?
Welche Aufgaben müssen oder können die Kreise behalten oder neu übernehmen?

Welche Aufgaben können starke Verbandsgemeinden behalten oder neu übernehmen? Da ist u.a. das Thema Baurecht für interessante Diskussion gut geeignet.

Für mich ist klar: Eine vernünftige Verwaltungs- und Kommunalreform, die auch den Namen verdient, ist notwendig. Reine Gebietsänderungen ohne weitergehende Konzeption machen keinen Sinn. Reform heißt: Planvolle Umgestaltung zu besseren Verhältnissen. Da ist viel Luft nach oben.

 

Josef Zolk, 11. September 2016


 

August 2016

Rezension zu Albert Schäfer: F.W. Raiffeisens Reise nach Oberschlesien

Wieder hat der kenntnisreiche Heimatforscher Albert Schäfer mit seiner im Eigenverlag erschienenen Schrift F.W. Raiffeisens Reise nach Oberschlesien eine Informationslücke in Sachen Raiffeisen schließen können. Die im Herbst des Jahres 1880 (der fast blinde Raiffeisen war 62 Jahre alt und längst wegen seines Augenleidens aus dem aktiven Bürgermeisterdienst in Heddesdorf ausgeschieden) im Auftrag des preußischen Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und Forsten durchgeführte Reise nach Oberschlesien und der dazu erbetene Sozialbericht über die Lage der dortigen ländlichen Bevölkerung war bisher nur wenigen Fachleuten bekannt.

Dieser Bericht stellt neben dem Buch über die Darlehenskassen-Vereine, das in vielen Auflagen erschienen ist, die nächstgrößere literarische Hinterlassenschaft Raiffeisens dar.

Schäfer, der in den letzten Jahren auch eine Broschüre zum Verhältnis Raiffeisens zu seinem großen Förderer Fürst Wilhelm zu Wied veröffentlicht hat, kann auf Grund seiner guten Kenntnisse der Aktenlage im Fürstlichen Archiv zu Neuwied nachweisen, dass Fürst zu Wied  der preußischen Regierung vorgeschlagen hatte, Raiffeisens Kenntnisse zu nutzen, um die Lebenssituation der ländlichen Bevölkerung in Oberschlesien zu analysieren. Dabei spielten die große Erfahrung und die bemerkenswerte Fähigkeit des Sozialreformers Raiffeisens zur Sozialanalyse, die er in seinen Jahren als Bürgermeister in Weyerbusch, Flammersfeld und Heddesdorf und danach als Genossenschaftsgründer nachdrücklich bewiesen hatte ebenso eine zentrale Rolle wie Raiffeisens Glaubwürdigkeit.

Raiffeisen, der von seinem jungen Mitarbeiter Martin Faßbender auf der rund zwei Monate dauernden Reise (in Oberschlesien selbst vom 27. September bis zum 11. Oktober 1880)   begleitet wurde, suchte alle oberschlesischen Landkreise (Ratzibor,Rybnik, Plehs, Cattowitz, Oppeln) auf und referierte an vielen Orten über die Darlehenskassen-Vereine und warb so neben der Analyse der Gesellschaft natürlich auch für seine Ideen. Wichtig ist, dass Schäfer auf die Begegnung Raiffeisens während seiner Oberschlesienreise mit dem österreichischen Professor Marchet, der vier Jahre vorher Oberschlesien bereist hatte, hinweist, denn ohne Marchet, mit dem Raiffeisen viele Jahre einen intensiven Austausch und eine Freundschaft pflegte, wäre die Genossenschaftsidee Raiffeisens so nicht nach Österreich gelangt.

Schäfer macht deutlich, dass Raiffeisen in seinem fast in Erzählform verfassten Bericht  viele Aspekte der oberschlesischen Gesellschaft beschreibt und nennt

  • die defizitäre pekuniäre Situation im ländlichen Raum,
  • den Charakter der Menschen, wie er ihn wahrnimmt,
  • den mangelnden Leistungswillen und die Leistungsfähigkeit,
  • die Bildung und die Kindererziehung (mangelnder Schulbesuch, „Hütekinder"),
  • den moralischen Zustand  (u.a. Alkoholmisbrauch, „Schlafburschen- und Schlafmädchenwesen",
  • die soziale Unterschiedlichkeit der Klassen (ausgeprägter Großgrundbesitz bei weit verbreiteter Besitzlosigkeit der Arbeiterschaft),
  • die fatale Rolle des Wuchers,
  • die extrem durchgeführte Realteilung des Kleinbesitzes,
  • das unwirtschaftliche Feldwegesystem,
  • fehlende Strom- und Flussregulierungen,
  • erforderliche Drainagearbeiten.

Zusammenfassend kommt Raiffeisen, so Schäfer,  zum Ergebnis, dass sein Genossenschaftssystem einen zentralen Beitrag zur Gesundung der Region leisten könne und das nicht nur im Hinblick auf die pekuniäre Situation in Oberschlesien sondern insgesamt als Beitrag zur Volkserziehung.

Am 3. November 1880 liefert Raiffeisen Bericht, der sich nicht allein mit rein ökonomischen Defiziten sondern explizit auch sehr mit gesamtgesellschaftlichen Defiziten beschäftigt, beim preußischen Ministerium ab.  Schäfer nennt den Bericht ein Lehrschreiben, das Raiffeisen dem ihn sehr schätzenden zuständigen Minister Dr. Lucius sendet. Raiffeisen geht es in erster Linie um eine dringend notwendige Erziehung der ländlichen Bevölkerung. Er nennt Werte wie Fleiß, Ordnung, Redlichkeit, Lernwille, Leistungsbereitschaft und Wille zur Selbsthilfe ebenso wie die Schaffung einer  Vermögensbildung durch den preußischen Staat als wesentliche Voraussetzungen für eine bessere Entwicklung.

Schäfer nennt immer wieder Querverweise in dieser Broschüre und lenkt den Blick nicht allein auf die Oberschlesienreise Raiffeisen, sondern beleuchtet u.a. das vertrauensvolle  Verhältnis zum Fürsten zu Wied, das sich wandelnde Verhältnis zu seinem Reisebegleiter Martin Faßbender, der sich im Streit von Raiffeisen trennt, obwohl  er für große Aufgaben im Genossenschaftssystem vorgesehen war und später Reichstagsabgeordneter und Wirtschaftsprofessor wurde. Der Autor beschreibt u.a. auch die weitere erfolgreiche Entwicklung des Genossenschaftswesens in Oberschlesien, die Kontakte Raiffeisens zum preußischen Ministerium und zitiert bezüglich der von jüdischen Händlern praktizierten Wuchermethoden den profunden Raiffeisenkenner Professor Michael Klein, der bilanziert: „Keinesfalls wird man von einem rassischen Antisemitismus Raiffeisens... sprechen dürfen"

Wichtig sind zwei weitere Hinweise Schäfers:

  1. Es sind keine direkten Reaktionen der preußischen Regierung auf Raiffeisens Bericht bekannt, obwohl Raiffeisen nachhakt.
  2. Raiffeisen kritisiert in aller Schärfe das Unwesen des Wuchers, unabhängig davon, wer das Wuchergeschäft treibt.

Zusammenfassend kann man sagen, Schäfer ist es wieder gelungen, eine wichtige Facette der Lebensleistung von Raiffeisen ins Bewusstsein zu bringen.

Josef Zolk, August 2016


Dezember 2015

Ein Beitrag zur Geschichte der Verbandsgemeinde Flammersfeld

Josef Zolk, M.A.
Bürgermeister a.D.

Die heutige Verbandsgemeinde Flammersfeld ist in ihrer Struktur zurückzuführen auf die Ergebnisse des Wiener Kongresses.

Der Wiener Kongress fand vom 18. September 1814 bis 9.Juni 1815 (Tag der Schlussakte) im Wiener Palais am Ballhausplatz statt. Nachdem Napoleon Bonaparte in der Völkerschlacht zu Leipzig im Oktober 1813 geschlagen und dann im Frühling 1814 erfolgreich zu Sturz gebracht wurde und seine Verbannung ins Exil beschlossen war, verkündeten die Staatsoberhäupter Mitteleuropas in Paris das Ende des Krieges. Da Europa nach den zahlreichen militärischen Eroberungen Napoleons nun ungleiche Machtverhältnisse aufwies, entschied man sich im Pariser Frieden dazu, einen Kongress mit dem Ziel der Neuordnung Europas im darauffolgenden Jahr zu veranstalten. Zum Kongress in Wien erschienen schließlich Staatsmänner, Fürsten und andere Vertreter der nahezu 200 teilnehmenden Länder und Herrschaftseinheiten.

Auf deutschem Boden wurde das 1806 aufgelöste „Heilige Römische Reich deutscher Nation" nicht wiederbelebt, statt dessen entstand aus den noch existierenden oder wiederhergestellten 35 deutschen souveränen Fürstenstaaten und den verbliebenen vier freien Reichsstädten ein losere Staatenbund, der lediglich durch die ständig in Frankfurt am Main tagenden Gesandtenkonferenz zusammengehalten wurde.

Köln, im Frühjahr 1815: Die Stadt, die eine Wiederherstellung der alten reichsstädtischen Freiheiten erhoffte, blickte gebannt nach Wien - schon im Februar war bekannt geworden, dass Österreich und England darauf drängen, den Preußen große Gebiete im Westen Deutschlands zuzusprechen. Diese aber wollten lieber das unter französischer Protektion entstandene Königreich Sachsen annektieren - und den sächsischen König mit einem neu zu schaffenden Territorium auf dem linken Rheinufer entschädigen, man hatte sogar schon eine Hauptstadt vorgesehen: - Bonn.

Es ist so: Das Rheinland sollte sächsisch werden - doch die großen Strippenzieher des Kongresses, der Engländer Lord Castlereigh und der österreichische Staatskanzler Metternich (übrigens ein Koblenzer), durchkreuzten diesen Plan: Sie setzen durch, dass die Militärmacht Preußen die „Wacht am Rhein" übernehmen sollte, als Barriere gegen jedwede erneute französische Aggression.

Die preußischen Unterhändler mussten klein beigeben - und sich mit Westfalen und den Rheinlanden „begnügen", schon am 11. März 1815, noch vor der offiziellen Inbesitznahme, ordnete König Friedrich Wilhelm II. den Ausbau Kölns zur Festungsstadt an.

Mit der Proklamation vom 5. April 1815 nahm König Friedrich Wilhelm III. Besitz von den ihm auf dem Wiener Kongress zugesprochenen Gebieten. Damit war das überwiegende Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen und Teile des Nordens des heutigen Rheinland-Pfalz preußisch geworden. 

Es sind hehre Worte, derer sich der Monarch bedient: „Im Vertrauen auf Gott und auf die Treue und den Mut meines Volkes habe ich die Rheinländer in Besitz genommen und mit der preußischen Krone vereinigt. Und so, Ihr Einwohner dieser Länder, trete ich jetzt mit Vertrauen unter Euch, gebe Euch Eurem deutschen Vaterlande wieder und nenne Euch Preußen! Kommt mir mit redlicher, treuer und beharrlicher Anhänglichkeit entgegen! Ihr werdet gerechten und milden Gesetzen gehorchen."

Noch von Wien aus wandte sich der preußische König Friedrich Wilhelm III. im April 1815 an seine neuen Untertanen am Rhein - nachdem er zuvor mit einem „Besitzergreifungs-Patent" die neuen Provinzen formell seinem Königreich angegliedert hatte. Auch in diesem Patent sagte der König den Rheinländern „den wirksamsten Schutz ihrer Person, ihres Eigentums und ihres Glaubens" zu - und er versprach, „die Bildung einer Repräsentation anzuordnen". Am 30. April wurde dieses Dokument im Verlauf des Hochamtes im Kölner Dom verlesen.

Das Rheinland war sehr stark von der Franzosenzeit geprägt und hielt an vielen ihrer Errungenschaften wie dem französischen Zivil- und Handelsrecht, den Handelskammern und der Gemeindeverfassung fest. Zudem war das Rheinland zu fast 80% katholisch und unterschied sich damit von den protestantisch geprägten altpreußischen Gebieten.

Sitz des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, also der Provinzialregierung, wurde Koblenz. Das Oberpräsidium hatte dort zunächst seinen Sitz im ehemaligen Kurfürstlichen Schloss und ab 1911 in einem neubarocken Gebäude an der heutigen Stresemannstraße (jetzt Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord). Die Rheinprovinz gliederte sich in die fünf Regierungsbezirke Aachen, Düsseldorf (einschließlich des 1822 aufgelösten Kleve), Koblenz, Köln und Trier. Die Regierungsbezirke waren wiederum in Landkreise mit je etwa 30.000 bis 40.000 Einwohnern eingeteilt.

Als einer dieser Landkreise wurde der Kreis Altenkirchen am 14. Mai 1816 juristisch eingerichtet. Zu seiner Untergliederung wurden neun Bürgermeistereien gebildet; darunter die Bürgermeisterei Flammersfeld, die sich aus den Kirchspielen Flammersfeld, Schöneberg, Horhausen, Peterslahr und Oberlahr mit insgesamt 33 Ortsgemeinden zusammensetzte. Diese Kirchspiele gehörten vor den napoleonischen Kriegen zu folgenden drei Herrschaften:

  • Nach der Teilung der Grafschaft Sayn im Jahre 1652 fielen die Kirchspiele Flammersfeld (dazu gehörten Ahlbach, Eichen, Flammersfeld, Kescheid, Orfgen, Reiferscheid, Rott, Schürdt, Seelbach, Strickhausen, Walterschen) und Schöneberg (dazu gehörten Berzhausen, Bettgenhausen, Neiterschen, Niederähren, Obernau, Schöneberg und Seifen) an die Grafschaft Sayn-Hachenburg. Durch Heirat kam 1799 ein Großteil der Reichsgrafschaft Sayn-Hachenberg an Nassau-Weilburg.
  • Seit 1664 gehörten die Gerichte/Kirchspiele Horhausen (Bürdenbach; Güllesheim, Horhausen, Huf, Krunkel, Luchert, Niedersteinebach, Pleckhausen, Willroth) und Peterslahr (Epgert, Eulenberg, Obersteinebach, Peterslahr) zum kurtrierischen Amt Herschbach, das nach dem Reichsdeputationshauptschluss vom Februar 1803 dem Fürstentum Nassau-Weilburg als Entschädigung deswegen zugeschlagen wurde, weil Nassau-Weilburg die linksrheinischen Besitzungen 1801 an Frankreich verloren hatte, jetzt aber mit den rechtsrheinischen Resten des ehemaligen Erzstifts Trier entschädigt wurde.

Im Zuge des Wiener Kongresses vereinbarte Preußen im Mai 1815 einen Ländertausch mit dem seit 1806 bestehenden Herzogtum Nassau (gebildet aus Nassau-Usingen und Nassau-Weilburg), die nassauischen Ämter Schöneberg und Linz sowie Teile des Amtes Herrschbach fielen an Preußen.

  • Zur kurkölnischen Herrschaft (Lahrer Herrlichkeit) gehörten Burglahr und Oberlahr sowie jeweils drei Höfe in Rott und Kescheid.

Mit der Gründung des Landkreises Altenkirchen 1816 wurde aus den bisherigen drei Teilbereichen - wie bereits beschrieben - die Bürgermeisterei Flammersfeld mit ihren 33 Ortsgemeinden. Bezogen auf die heutige kommunale Struktur hatte die Bürgermeisterei 1815 insgesamt 3235 Einwohner.

Diese Struktur von 1816 blieb unverändert bis zur Gebietsänderung zum 1. April 1939. Da gab es folgende Änderungen:

-          Ahlbach zu Flammersfeld

-          Huf und Luchert zu Horhausen

-          Niederähren zu Seifen

-          Bettgenhausen zu Seelbach

-          Strickhausen zu Berzhausen

Die Überlegungen in der Verbandsgemeinde Flammersfeld aus den 1969 bestehenden Ortsgemeinden durch freiwilligen Zusammenschluss drei große Ortsgemeinden (Raum Horhausen, Raum Flammersfeld, Raum Oberlahr) zu bilden, wurden entgegen der Ergebnisse einer Dienstversammlung der Ortsbürgermeister mit Amtsbürgermeister Eugen Schmidt vom 15.12.1969 im Hotel „Schloß Wied" in Oberlahr nicht konstruktiv weiterverfolgt bzw. umgesetzt.

Im Zuge der Territorialreform in Rheinland-Pfalz wurden 1969 die Ortsgemeinden Neiterschen, Neitersen und Niederölfen zur Ortsgemeinde Neitersen zusammengelegt, Neitersen wurde dann in die Verbandsgemeinde Altenkirchen ebenso eingegliedert wie 1970 Schöneberg. Aus dem ehemaligen Amt Weyerbusch wurden gleichzeitig die Ortsgemeinden Giershausen und Ziegenhain der Verbandsgemeinde Flammersfeld zugeordnet. Ziegenhain und Giershausen gehörten bis zum Jahr 1806 zur Grafschaft Sayn-Altenkirchen und zum Kirchspiel Mehren. Die Grafschaft Sayn-Altenkirchen kam 1791 auf dem Erbweg zu Preußen und wurde 1803 im Reichsdeputationshauptschluss dem Fürstentum Nassau-Usingen zugesprochen. Aufgrund der auf dem Wiener Kongress getroffenen Regelungen wurde das Herzogtum Nassau an das Königreich Preußen abgetreten (siehe oben).

Ziegenhain und das ursprünglich zur Ortsgemeinde Orfgen gehörende Ziegenhahn schlossen sich 1994 zur gemeinsamen Ortsgemeinde Ziegenhain zusammen.

Ende 2015 umfasst die Verbandsgemeinde Flammersfeld 26 Ortsgemeinden mit fast 12.000 Einwohnern (Ende 2015).

Josef Zolk, Dezember 2015

Auf der Heide 15, 56593 Güllesheim  brief@josef-zolk.de

 


Dezember 2014

Prognose 2015

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Seit Jahren beteilige ich mich mit Freude an diesem Zukunftsspiel der RWN. Spannend wäre es, alle in dieser Zeitung veröffentlichten Prognosen der letzten Jahre im Hinblick auf die Realität zu überprüfen. Wahrscheinlich würde man feststellen, dass viele der abgegebenen Prognosen bei der Realitätsprüfung durchgefallen wären. Deswegen will ich in diesem Jahr keine Prognose abgeben, sondern Aussagen zu Prognosen zusammenstellen.

Also:

  • Nur ein Gärtner weiß im Voraus, was ihm blüht.
  • Meine Prognose für 2015: Es werden mal wieder manche Prognosen stimmen und manche nicht, aber eher von Letzterem.
  • Mit Propheten unterhält man sich am besten drei Jahre später.
  • Prognose: Ersatz der Lüge durch blindes Raten.
  • Je langfristiger die Prognose, desto ähnlicher wird sie der Fata Morgana.
  • Für alle Prognosen gilt: Vertrauen ist gut, Misstrauen ist besser.
  • Die Prognose dreht der Zukunft gern eine Nase.
  • Prognose ist dressierter Zufall.
  • Vor Prognosen soll man sich unbedingt hüten, vor allem vor solchen über die Zukunft.
  • Die Übersättigung an Prognosen gehört sicher zu den größten Wirtschaftsproblemen.
  • Akzeptiere die Diagnose, nicht die Prognose.
  • Wenn zwei Leute über die Zukunft unterschiedlicher Meinung sind, kann theoretisch jeder recht behalten. Da empfiehlt sich eine Wette.
  • Die meisten Prognosen sind falsch - und es ist kein Fall bekannt, in dem ein Futurist die Verantwortung für die üblen Folgen seiner falschen Prognose übernommen hätte.
  • Die richtige Erklärung der Gegenwart ist der Grundstein für die Vorausschau in die Zukunft. Und die Analyse der Gegenwart ist schon schwer genug.
  • Es ist nicht die Aufgabe, die Zukunft vorauszusagen, sondern gut auf sie vorbereitet zu sein.

Zur Analyse der Gegenwart. Ich gehe am 31. 12. 2014  in den Ruhestand. Die Verbandsgemeinde Flammersfeld hat mit Ottmar Fuchs ab 1. Januar 2015 einen neuen Bürgermeister. Ihm und unserer Verbandsgemeinde wünsche ich eine gute Zukunft.

Alles Gute und Glück auf für 2015 Josef Zolk


Februar 2014

Bewerbung um Aufnahme der „Genossenschaftsidee" in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO

Die Deutsche Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft e. V. (Sachsen mit Sitz in Delitzsch) und die Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft e. V. (Rheinland-Pfalz mit Sitz in Weyer-busch/WW) bewerben sich gemeinsam um die Aufnahme der „Genossenschaftsidee" mit ihren sozialen, kulturellen, ethischen, emanzipatorischen und ökonomischen Dimensionen, Werten und Traditionen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission. Der Gemeinde- und Städtebund (GStB) Rheinland-Pfalz unterstützt und begrüßt diese Bewerbung.

Die Genossenschaftsidee beschreibt eine Form der bürgerlichen Selbsthilfe auf Grundlage von Kooperation. Solidarisches Fördern, Verantworten und Teilen stärken dabei individuelles Engagement und Selbstbewusstsein, ermöglichen soziale, kulturelle und ökonomische Partizipation und schaffen die Möglichkeit für aktive Mitgestaltung.

Die „Väter" der Genossenschaftsidee, Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, gründeten bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten genossenschaftlichen Organisationen. Ihnen gelang es, den grundlegenden rechtlichen Rahmen für die Genossenschaftsidee und ihre ethischen Werte zu konstituieren. Dabei schufen sie eine Vereinigung mit nicht geschlossener Mitgliederzahl und gemeinschaftlichem Geschäftsbetrieb. In einer Satzung wird der Unternehmenszweck festgeschrie-ben, der sowohl auf Förderung des Erwerbs als auch sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Interes-sen zielen kann.

Die Genossenschaftsidee findet sich dabei in nahezu jeder Branche wieder: Von Genos-senschaftsbanken über Landwirtschafts- und Energiegenossenschaften, Wohnungsbaugenossen-schaften und Konsumgenossenschaften bis hin zu Dienstleistungsgenossenschaften und Ärztege-nossenschaften.

Ihnen allen sind die Grundsätze „Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung" gemein. Ihre Mitglieder erwerben Genossenschaftsanteile und werden damit zu Miteigentümern. Ihre, von der Zahl der erworbenen Anteile unabhängige Stimme sichert ihnen die Mitbestimmung und die Möglichkeit, aktiv mitzugestalten. Darüber hinaus eint das unabdingbare Ziel der Mitgliederförderung die Genos-senschaften, sowohl in sozialer und kultureller, als auch in ökonomischer Hinsicht.

Im Jahr 2012 rief die UNO das Internationale Genossenschaftsjahr aus, um auf die weltweite Bedeutung von Genossenschaften aufmerksam zu machen. Gleichzeitig betonte sie damit aber auch die Notwendigkeit, die vielfältigen Dimensionen der Genossenschaftsidee zu bewahren, sie breiten gesellschaftlichen Kreisen zu vermitteln und den nachfolgenden Generationen zu erhalten.

Dieses Anliegen möchten die Deutsche Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft e. V. und die Deut-sche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft e. V. mit ihrer Bewerbung unterstützen und damit den Erhalt und die Weitergabe der Genossenschaftsidee schützen und fördern.

Die Entstehung der Genossenschaftsidee ist untrennbar verbunden mit zwei Personen: Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) geboren in Delitzsch im heutigen Sachsen und Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) im heutigen Rheinland-Pfalz; geboren in Hamm/Sieg und Bürgermeister-stationen in Weyerbusch, Flammersfeld, Heddesdorf (heute Stadtteil von Neuwied).

Die Idee zur Gründung erster genossenschaftlich geprägter Organisationen wurde buchstäblich aus der Not heraus geboren. Während der Industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts gerieten viele Bauern und kleine Handwerksbetriebe in finanzielle Notlagen. Ihnen sollten die Hilfsaktionen zugutekommen, die Schulze-Delitzsch und Raiffeisen zeitgleich, aber unabhängig voneinander ins Leben riefen. Gemäß dem Leitsatz „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele" war ihrer Auffassung nach eine nachhaltige Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen nur durch den selbstbestimmten Zusammenschluss Einzelner zu erreichen. Während Schulze-Delitzsch 1849 mit der Gründung zweier Produktivgenossenschaften die Handwerker im Blick hatte, wandte sich Raiffeisen mit den ab 1864 gegründeten Darlehnskassenvereinen an die bäuerliche Bevölkerung.

Im Jahre 1889 trat das Genossenschaftsgesetz in Kraft. Dank dieser rechtlichen Verankerung verbreitete sich die Genossenschaftsidee in den folgenden Jahrzehnten rasant in ganz Deutschland. Zahlreiche Haushalte und Betriebe schlossen sich nach den Grundsätzen von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen zusammen. Die Zahl der Selbsthilfevereinigungen stieg von 5.000 im Jahr 1889 bis auf 48.000 zum 1. Juni 1922 an. Zäsuren in der Erhaltung und Verbreitung der Genossenschaftsidee gab es während der Kolonialzeit Deutschlands, als Genossenschaften in den besetzten Gebieten vor allem als Exportgenossenschaften im Sinne des deutschen Kaiserreiches gegründet wurden. In der Zeit des Nationalsozialismus sowie während der deutschen Teilung von 1946 bis 1989 mussten sich die Genossenschaften zwangsläufig den politischen Verhältnissen anpassen und wurden in die Organisationsstruktur des jeweiligen Systems integriert.

Die Genossenschaftsidee hat zwei Weltkriege, die Krisen der 1920er Jahre und die Teilung Deutschlands überstanden ist bis heute jung geblieben. Allein in den vergangenen acht Jahren sind in Deutschland rund 1.300 Genossenschaften neu gegründet worden. Diese neuen Genossenschaften gehen die heutigen Herausforderungen  gemeinsam an. Die dezentrale Verbreitung erneuerbarer Energien, Qualitätssicherung in der Gesundheitsversorgung, aber auch Aufgaben wie selbst-bestimmtes Wohnen im Alter, energetische Sanierung von Wohnungsbeständen, kommunale Da-seinsvorsorge oder ländliche Nahversorgung werden durch Genossenschaften wahrgenommen.

Genossenschaften sind in Deutschland weit verbreitet. In annähernd 8.000 Genossenschaften sind ungefähr 21 Millionen Menschen organisiert. Dabei ist praktisch jeder Landwirt Mitglied einer oder mehrerer Genossenschaften ,90 % aller Bäcker und Metzger, 75 % aller Einzelhandelskaufleute, über 65 % aller selbstständigen Steuerberater und 60 % aller Handwerker sind Genossenschaftsmitglieder.

Die genossenschaftlichen Banken versorgen als selbstständige Kreditinstitute in Deutschland flächendeckend über 30 Mio. Kunden, davon sind gut 17,4 Mio. Mitglieder, mit Bankprodukten und Finanzdienstleistungen. Die Wohnungsbaugenossenschaften bieten ihren 3,2 Mio. Mitgliedern vor-rangig eine gute, sichere und sozial verantwortbare Wohnungsversorgung in über 2 Mio. Wohnungen. Das Alleinstellungsmerkmal der Genossenschaftsbanken und der Wohnungsbaugenossenschaften ist ihr traditioneller Förderauftrag gegenüber mehr als 20 Mio. Mitgliedern, das bedeutet, dass mehr als zwei Drittel ihrer Kunden gleichzeitig Teilhaber ihrer Genossenschaft sind - inklusive aller damit einhergehenden Vorteile und Mitbestimmungsrechte.

Der Genossenschaftsidee ist es immanent, aktuelle gesellschaftliche, ökonomische oder auch ökologische Herausforderungen aufzugreifen und hierfür Lösungsansätze zu bieten. So gründen sich heute z.B. Gesundheitsgenossenschaften, um eine medizinische Versorgung noch effizienter und flächendeckender gewährleisten zu können, Dorfläden, um die ländliche Nahversorgung genossenschaftlich sicherzustellen, Senioren- und Sozialgenossenschaften, um dem Rückzug kom-munaler Einrichtungen auf diesem Gebiet zu begegnen oder regional aufgestellte Energie-genossenschaften, um auch in Zukunft noch eine ökologische und bezahlbare Energieversorgung zu garantieren.

Diese Genossenschaften können sich dabei auf institutionelle Strukturen stützen, die sich seit über 150 Jahren entwickelt haben. Sie sind dabei in Verbände eingebunden und partizipieren wechselseitig von der Vielfalt der genossenschaftlichen Gruppe.

Getragen und gestaltet wird dieses Netzwerk jedoch vom einzelnen Genossenschaftsmitglied. Jedes Mitglied besitzt eine Stimme in der Mitgliederversammlung und entscheidet damit direkt oder über gewählte Vertreter über die Entwicklung der Genossenschaft. Geleitet vom Subsidiaritätsprinzip wird die Verantwortung dabei solidarisch wahrgenommen.

Weitere Gestalter der Genossenschaftsidee sind aber auch die MitarbeiterInnen der Genossen-schaften. Diese bieten bundesweit rund 600.000 Menschen einen Arbeitsplatz und stellen ca. 35.000 Ausbildungsplätze zur Verfügung.

Ausgehend von Deutschland ist die Genossenschaftsidee heute international verbreitet und wird welt-weit praktiziert. Die Weitergabe dieser Idee lässt sich auch an der Förderung nachhaltiger und wirt-schaftlicher Strukturen in rund 30 Ländern durch die deutsche Genossenschaftsbewegung in Zusam-menarbeit mit der Bundesregierung festmachen. Dabei unterstützen die Genossenschaften die von den Vereinten Nationen in ihrer Milleniumserklärung geforderte Armutsbekämpfung und den Einsatz für eine gerechtere Gestaltung der Globalisierung.

Schirmherrin der gemeinsamen Bewerbung ist die ehemalige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süßmuth. Viele Persönlichkeiten (u.a. die ehemaligen Ministerpräsidenten Dr. Bernhard Vogel und Kurt Beck) aus allen Bereichen der Politik und der Gesellschaft unterstützen den Antrag, der fristgerecht Ende November 2013 in Mainz von Josef J. Zolk, stellvertretender Vorsitzender der

Deutschen Friedrich- Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft und Bürgermeister in Flammersfeld an Herrn Staatssekretär Walter Schumacher vom rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur übergeben worden ist. Ebenso wurde in Dresden von der Deutschen Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft der inhalts- und wortgleiche Antrag an die Sächsische Staatsregierung übergeben.

 

Im April wird das Land Rheinland-Pfalz seine Vorschläge an das Sekretariat der Kultusministerkonferenz weiterleiten, im Juni wird dann der Kulturausschuss der Kultusministerkonferenz tagen. Danach berät das Expertenkomitee bei der Deutschen UNESCO-Kommission, nach weiteren Gremiensitzungen wird im Dezember 2014 die Kultusministerkonferenz selbst die Nominierungen für die UNESCO vornehmen, damit diese selbst bis Ende 2016 entscheiden kann.

Es ist ein langer Weg, die beiden Antragsteller für die Bewerbung sind jedoch guten Mutes, dass die „Genossenschaftsidee" als Immaterielles Kulturerbe anerkannt wird.

 

Dr. Enrico Hochmuth, Josef J. Zolk M.A.

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Rezension von Josef Zolk, Februar 2014

Thomas A. Bartolosch, Dr. Wilhelm Boden (1890 -1961) „der vergessene Landesvater"

Thomas A. Bartolosch hat mit der von der Kreisverwaltung Altenkirchen 2014 herausgegebenen Studie zu Dr. Wilhelm Boden für eine für den Kreis Altenkirchen und für das Land Rheinland-Pfalz wichtige Persönlichkeit eine bisher bestehende Forschungslücke geschlossen.

In neun Kapiteln präsentiert der Autor den Juristen; Verwaltungsbeamten und Politiker Boden, ohne sich in Details zu verlieren. Beschreibend, analysierend und gut belegt durch Zeitdokumente führt er sehr übersichtlich den Leser durch den Lebensweg des humanistisch gebildeten und rheinisch-katholisch geprägten Menschen Boden.

„Leitfragen zur biographischen Studie" und spannende Hinweise auf die Bestandsführung mancher Quellen im Landeshauptarchiv Koblenz, auf deren ggfs. bestehende Brisanz der Autor im Exkurs zum „Fall Dr. Hans Globke" eingeht, gliedern die Studie, das Urteil von Zeitgenossen und Forschung sowie eine „Abschließende Würdigung" runden das gelungene Werk ab.

Die didaktisch beispielhaft angelegte rund 200 Seiten umfassende Biographie ordnet den beruflichen und politischen Weg des aus gutbürgerlichem Haus stammenden Boden in die vielfältigen Umbruchsituationen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein.

Erster Weltkrieg, Ende des Kaiserreichs, Beginn, Verlauf und Ende der Weimarer Republik, Diktatur und Nationalsozialismus, Zusammenbruch, Gründung von Rheinland-Pfalz und Wiederaufbau demokratischer Strukturen in der Bundesrepublik: Das sind die Rahmenbedingungen, in denen sich Boden bewegt, sich als Verwaltungsmann bewährt und politisch scheitert. Bartolosch gelingt es, den Weg Bodens sowohl in die jeweiligen Zeitläufte als auch in die lokalen Bedingungen einzuordnen und Bezugsfelder herzustellen. Die Leistungen des Verwaltungsmannes Boden, der wegen seiner Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und zum Zentrum als Landrat im Landkreis Altenkirchen nicht nur mit offenen Armen aufgenommen worden war, sind bedeutend, vielseitig und nachhaltig.

Beispielhaft führt Bartolosch an:

  • Energiepolitik (bis heute bei den RWE Aktien spürbar)
  • Weitsichtige Bildungspolitik
  • Gesundheitspolitische und sozialpolitische Weichenstellungen
  • Struktur- und Verkehrspolitik (Die Westerwaldbahn war einmal ein Segen für die Region)
  • Freiwilliger Arbeitsdienst

Boden war für den Landkreis Altenkirchen ein Glückgriff. Aber gleich nach der Übernahme der Macht und nach der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten wurde Boden abgesetzt, diffamiert und schließlich in einem Schauprozess unter großem „Propagandawirbel" zu einem Jahr Gefängnis wegen Untreue im Amt im sogenannten „Sparkassenprozess" verurteilt. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im Zuge einer allgemeinen Amnestie nach einem halben Jahr freigekommen, befasste sich Boden mit „juristischer, steuerlicher und volkswirtschaftlicher Gutachtertätigkeit" in der Industrie, für die Erzdiözese Köln und bis 1945 beim Generalverband der Berlinischen Lebensversicherungs-gesellschaft in Köln; diese Tätigkeiten und Ressourcen aus der Familie sicherten materiell den Lebensunterhalt.

Noch vor dem endgültigen Ende des Krieges, der auch in weiten Teilen des Landkreises Altenkirchen zu erheblicher Zerstörung geführt hatte, wurde Dr. Boden von der amerikanischen Militärregierung wieder als Landrat eingesetzt. Nur wenige Wochen verblieb er in diesem Amt, bevor er von der amerikanischen Militärregierung erst zum Regierungspräsidenten von Koblenz, dann von der französischen Militärregierung zum Oberpräsidenten der Provinz Rheinland-Hessen-Nassau und schließlich nach der Wahl zur „Beratenden Landesversammlung zur Ausarbeitung der Landesverfassung" zum Ministerpräsidenten berufen wurde. Er war für den dringend notwendigen Verwaltungsaufbau die richtige Persönlichkeit, man traute ihm zu, die „aufgetretenen Schwierigkeiten beim Wieder-Aufbau der Verwaltung" zu bewältigen. Die Verwaltungskompetenz von Boden war unbestritten. Daneben waren seine eindeutige Haltung während der nationalsozialistischen Diktatur und seine politische Tätigkeit in der Weimarer Republik wohl die Gründe dafür, dass ihn die französische Militärregierung für besonders geeignet hielt, Ministerpräsident des Retortenlandes Rheinland-Pfalz zu werden. Boden, inzwischen zwar führendes Mitglied der neuen über-konfessionellen Christich-Demokratischen Partei (CDP), die bei der Wahl zur Beratenden Landes-versammlung mit 55,1% als eindeutiger Sieger hervorgegangen war, musste erleben, dass bereits bei den schwierigen Koalitionsverhandlungen nicht er sondern Peter Altmeier die Fäden in der Hand hielt. Historisches Verdienst dieser provisorischen Allparteienregierung unter Ministerpräsident Boden war die Erstellung des Entwurfs der Landesverfassung, die am 18. Mai 1947 mit 53 % der Stimmen von der Bevölkerung angenommen wurde. Die SPD lehnte den Entwurf ab. Bei der gleichzeitig stattfindenden Landtagswahl gewann die CDU, die sich seit Februar 1947 aus den beiden christlichen Parteien CDP (Rheinland-Hessen-Nassau)) und CDU (Pfalz und Rheinhessen) zusammen-geschlossen hatte, mit 47,2 %. Es ist landesgeschichtlich wichtig, dass Bartolosch in diesem Zusammenhang auf die Auseinandersetzungen um die föderalistische Neuordnung Deutschlands auch unter dem Gesichtspunkt separatistischer Strömungen im Rheinland eingeht und auf deren Tradition aus der frühen 20er Jahren der Weimarer Republik hinweist.

Boden wurde am 13. Juni 1947 erster gewählter Ministerpräsident des neuen Landes, bereits am 9. Juli 1947 sollte sein Rücktritt erfolgen. Bei seiner Regierungsbildung zum ersten „parlamentarisch legitimierten Ministerpräsidenten" war er bereits Zuschauer in der ersten Reihe, die Fäden zogen andere, auch in seiner Partei, in der er Feldherr ohne Batalione war. Breit diskutierte Fehler im Wahlkampf  kamen hinzu. So trat er beim ersten „Wiederzusammenzusammentritt des Landtages", wie es in seiner inhaltlich und sprachlich klaren Erklärung heißt, als Ministerpräsident zurück und musste den Weg für das Kabinett Altmeier mit seiner Allparteienkoalition freimachen. Dem Landtag gehörte er bis zu seinem Tode an, u.a. ab 1951 als Vorsitzender seiner Fraktion und als auch überparteilich geschätzter Vorsitzender des Haushalts- und Finanzausschusses.

Sein Sinn für Verwaltung kam ihm bei seiner neuen verantwortlichen Hauptaufgabe als Präsident der Landeszentralbank, das er im August 1947 übernahm und im Mai 1959 aus gesundheitlichen Gründen abgab, sehr entgegen.

Verwaltungsorganisatorisch war er nach seinen Bewährungen in vielen Aufgaben der richtige Mann an den richtigen Orten, seine Erfahrung, sein Organisationsgeschick und sein Blick für die konkrete Not halfen vielfältig, aber es zeigte sich deutlich, dass er im Grunde mehr ein gebildeter Behördenchef als ein Parteipolitiker war. Aber unpolitisch war er nicht, wie sein Umgang mit politischen Kontra-henten, sein Fingerspitzengefühl und seine Durchsetzungskraft zeigen.

Abschließend: Bartolosch zeigt einen hochqualifizierten Verwaltungsmann, geprägt von preußisch-deutscher Pflichterfüllung im besten Sinne, einen Mann, dessen administrative Kompetenz und menschliche Zuverlässigkeit auch die Militärregierungen schätzten. Politisch weniger wendig als Altmeier, den er als eher nicht ebenbürdig ansah, war dieser „perfekte Zivilist" in der Weimarer Republik für den Landkreis Altenkirchen ein weitsichtiger und tatkräftiger Landrat, der außer-gewöhnlich viel bewegte. Nach dem Zusammenbruch half er entscheidend mit, wichtige Weichen für das neue Land Rheinland-Pfalz zu stellen.

Diese „vergessene" Persönlichkeit wieder ins breitere Bewusstsein geholt zu haben, ist ein bleibendes Verdienst von Thomas A. Bartolosch. Dem Landkreis und der Kreissparkasse Altenkirchen gebühren Dank für die Unterstützung.

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11.03.2013

Genossenschaften - Relikte des 19. Jahrhunderts oder
Weltweit Chancen für Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung

Die Vereinten Nationen haben 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen, um auf die weltweite Bedeutung von Genossenschaften aufmerksam zu machen und ihre Rolle für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung vieler Länder zu betonen. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon begründet diese Entscheidung mit der Verbindung von Wirtschaftlichkeit und sozialer Verantwortung, die von den Genossenschaften der internationalen Gemeinschaft vorgelebt werde.

Genossenschaften widerstehen bei aller Größe, die sie heute erreichen, auf Grund der inneren Aufsichts- und Kontrollstrukturen besser als viele andere Finanzinstitute den oft irrsinnigen Verlockungen der Finanzindustrie, sie bilden Gegenpole zu unkontrollierten „ökonomischen Raumschiffen" und sind trotz aller Fehler im Detail, bei denen man auch hier und da den algorithmischen Verlockungen zu ungezügelter Gewinnmaximierung nachgegeben hatte, Garanten soliden Wirtschaftens. Die Unternehmensstrategien sind gemäß Selbstverständnis von langfristigen Überlegungen und unternehmerischem Augenmaß geprägt. Unbestritten nehmen Genossenschaften soziale Verantwortung in der Gesellschaft wahr.

In Deutschland ist die Genossenschaftsgruppe die bei Weitem mitgliederstärkste Wirtschaftsorganisation. Mit 26 Millionen Mitgliedern und mehr als 800.000 Mitarbeitern in über 7.500 Genossenschaften sind sie eine treibende Kraft für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Zahl der genossenschaftlichen Eigentümer ist um ca. das Fünffache höher als die Zahl der Aktionäre.

Weltweit arbeiten in Deutschland über 100 Millionen Menschen in Genossenschaften.

In den Jahren seit 2009 sind in Deutschland über 600 Genossenschaften neu gegründet worden, in ganz unterschiedlichen Bereichen  wie u. a.

  • erneuerbare Energien,
  • Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum,
  • kommunale Daseinsvorsorge,
  • ländliche Nahversorgung.

 

Genossenschaften gibt es in vielen Bereichen und Branchen:

  • Genossenschaftsbanken

Nähe zum Kunden, Verantwortung in der Region und Partner des Mittelstandes - nach diesen Grundsätzen arbeiten die über 1.100 deutschen Volks- und Raiffeisenbanken sowie die Verbundunternehmen der genossenschaftlichen Finanzgruppe. Den Kreditgenossenschaften schlossen sich zwischen 2008 und 2010 rund 460.000 neue Mitglieder an. Der Marktanteil der Volks- und Raiffeisenbanken stieg nach dem Beginn der Bankenkrise auf über 18% an. Auf Grund ihrer Stabilität, der höheren Rücklagen und dem Grundsatz, dass die Anteile der Genossenschaftsmitglieder nicht auf den (internationalen) Finanzmärkten gehandelt werden, kamen die genossenschaftlichen Finanzinstitute auch in und nach der Krise ohne staatliche Hilfen aus.

 

  • 2. Wohnungsgenossenschaften

Mit ihren rund 2,2 Millionen Wohnungen bieten die rund 2.000 Wohnungsgenossenschaften für mehr als 5 Millionen Menschen Wohnungen. Der Anteil der Genossenschaftswohnungen am Mietwohnungsbestand in Deutschland von 24 Millionen Mietwohnungen beträgt ca. 10 %.

 

  • 3. Raiffeisengenossenschaften

Über 2.500 landwirtschaftliche Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften mit 1,7 Millionen Mitgliedern berufen sich auf die Ideen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Die selbstständigen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften sind stark auf dem Land vertreten und versorgen ihre Mitglieder z.B. mit Futtermitteln, Düngemitteln und Maschinen. Sehr viele Landwirte und Winzer sind Mitglieder von ländlichen Genossenschaften, seit der deutschen Vereinigung auch in den neuen Ländern.

 

  • 4. Gewerbliche Genossenschaften

In Deutschland gibt es zu Beginn des Jahres 2012 rund 1600 gewerbliche Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften mit rund 300.000 Mitgliedern und einem addierten Jahresumsatz (Umsatz aller Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften zusammen) von ca. 103 Milliarden Euro .Die beiden großen Genossenschaften dieses Bereichs sind in Deutschland EDEKA (Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler; E.d.K), gegründet 1898, und REWE (Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften), gegründet 1927.

 

  • 5. Konsumgenossenschaften

Das Genossenschaftsgesetz von 1889 definierte Konsumgenossenschaften als „Vereine zum gemeinschaftlichen Einkauf von Lebens- oder Wirtschaftbedürfnissen". Dabei bedeutet „Einkauf" nicht, dass ausschließlich Handel betrieben wird. Die eigene Produktion ist traditionell Teil des konsumgenossenschaftlichen Konzepts.

Kooperation ist keine neue Erfindung. In der Menschheitsgeschichte haben in allen Kulturen, in allen Weltregionen und zu allen Zeiten Menschen für gemeinsame Zwecke zusammengearbeitet. Dabei haben sich unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit herausgebildet: Ad-hoc-Zusammenschlüsse, auf Langfristigkeit angelegte Kooperationen und informelle bzw. traditionelle Formen.

Die Entstehung des modernen Genossenschaftswesens im 19. Jahrhundert und die Rolle der Pioniere Raiffeisen und Schulze-Delitzsch werden im UNO-Jahr der Genossenschaften zu Recht herausgestellt.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der Sohn des Westerwaldes, folgte zunächst seiner christlichen Überzeugung unter dem Leitspruch: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan". Seine ursprünglichen Ideen basierten auf einem karitativen Ansatz.

Hermann Schulze-Delitzsch, preußischer Politiker, Kaufmann, Jurist, war dagegen der Meinung, dass sich die Menschen selbst helfen müssen, um ihre wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Auch Raiffeisen erkannte bald, dass ein karitativer Ansatz allein die Not nicht nachhaltig überwinden konnte. Die Menschen müssen den Willen haben und die Chance erhalten, sich selbst zu helfen. Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung, die „drei S", wurden die Grundlagen des genossenschaftlichen Handelns.

Heute sind Genossenschaften in vielen Ländern wichtige Elemente der Wirtschaft und Gesellschaft. Sie schaffen und sichern Marktzugang, Größenvorteile und eigenständige Marktpositionen. Ihr Fundament sind Stabilität, Vertrauen und Zuverlässigkeit. Die Sozial- und Wirtschaftsstruktur eines Landes wird durch Genossenschaften positiv beeinflusst. Genossenschaften im Finanzsektor, Handel, Handwerk und in der Landwirtschaft sind in vielen Ländern das Rückgrat der wirtschaftlichen Aktivitäten. Sie basieren auf lokaler Initiative und Wirtschaftskraft und tragen wesentlich zur Entwicklung bei. Sie sind in ihren Strukturen regionalbezogen und überschaubar, sie unterliegen nicht anonymen Konstrukten weltweit operierender Finanzkonzerne.

Genossenschaften brauchen gute Partner

Erfolgreiche genossenschaftliche Systeme umfassen mehrere Ebenen: lokale Genossenschaften und regionale bzw. nationale Zentralen und Verbände. Sie sind dem Subsidiaritätsprinzip entsprechend aufgebaut, das Eigenverantwortung vor staatliches Handeln stellt, müssen aber auch geprüft und kontrolliert werden. Schon 1872 schrieb Raiffeisen: „Die Organisation ist das einzige Mittel, die Darlehns-Vereine für die ganze Zukunft zu erhalten, durch sie sind die einzelnen Vereine nicht mehr allein stehend, nicht mehr den Zufälligkeiten und Wechselfällen der Zeit unterworfen". Spar- und Kreditgenossenschaften müssen lizenziert sein und der Regulierung und Aufsicht durch staatliche Stellen unterliegen. Auch kleinste Ersparnisse müssen sicher sein; hier spielt neben der Bankenaufsicht auch ein Einlagensicherungssystem eine wichtige Rolle. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor moderner genossenschaftlicher Systeme ist die umfassende genossenschaftliche Prüfung und Kontrolle.

Gerade wegen der Globalisierung nimmt die Bedeutung der lokalen und regionalen Wirtschaft als eine der Grundlagen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu, die von unterschiedlichen Faktoren wie Ressourcenausstattung, fachlichem Know-how, Infrastruktur, Existenz eines leistungsfähigen Finanzsektors und effizienten Märkten abhängt. Um den Menschen Teilhabe an der Entwicklung zu ermöglichen, muss ihnen die Chance zur Selbsthilfe gegeben werden. Der Staat setzt den (wirtschafts-) politischen Rahmen, innerhalb dessen sich „Entwicklung" vollziehen kann. 

Selbstbestimmung statt Instrumentalisierung

Genossenschaften werden in der entwicklungspolitischen Diskussion bis heute sehr unterschiedlich beurteilt. Auf der einen Seite findet sich eine völlige Überschätzung als „Instrument" zur Entwicklung, auf der anderen Seite gibt es undifferenzierte Ab¬lehnung. Es wurde oft versucht, einen Organisationstyp, der sich zum Beispiel in Europa organisch entwickelt hat, ohne Beachtung der spezifischen Bedingungen eines einzelnen Entwicklungslandes oder der Bedürfnisse der Menschen zu übertragen oder gar als Instrument des Staates bzw. von Geberorganisationen zu benutzen. Landespezifische Bedingungen, wie sozialer Zusammenhalt und betriebswirtschaftliche Aspekte als Grundlage unternehmerischen Handelns, wurden ebenso vernachlässigt wie notwendige landeseigene gesetzliche Rahmenbedingungen.

Genossenschaften können staatliches Handeln nicht ersetzen. Wollen sie ihrem eigentlichen Auftrag gerecht werden, sind sie: Unternehmen ihrer Mitglieder, für diese tätig, von diesen getragen, finanziert und kontrolliert. „Dabei verstehen sich Genossenschaften nicht nur als ein Unternehmenstyp, sondern als gesellschaftliches Mikrosystem von ganz besonderer, auch kultureller Sensibilität". (E. Dülfer)

 

Entscheidend ist die Situation vor Ort

Es gibt weltweit viele Beispiele erfolgreicher genossenschaftlicher Strukturen, die aus eigener Kraft und Initiative heraus entstanden sind oder erfolgreich „behutsam" von außen gefördert wurden. Wesentliche Bedingung dafür aber war und ist immer, dass sich die Genossenschaften an den Zielen und Bedürfnissen der Mitglieder orientieren.

Eine der wichtigsten Lehren aus dem Aufbau genossenschaftlicher Strukturen ist: Jedes Land ist anders, jede Kultur ist anders. Deshalb kann es auch kein Standardmodell geben. Aber es gibt Erfahrungen, die genutzt werden können:

  • Jede Genossenschaft muss für ihre Mitglieder leistungsfähig und attraktiv sein. Dazu sind in der einzelnen Genossenschaft eine konsequente wirtschaftliche Ausrichtung, eine adäquate interne Organisation und gut ausgebildete Führungskräfte und Mitarbeiter erforderlich. Die Genossen-schaften müssen Teil von subsidiär aufgebauten Netzwerken sein, denn dann können sie von den Leistungen spezialisierter Zentralunternehmen und Verbänden profitieren. Genossenschaften bieten die Chancen, die Menschen an der regionalen Wertschöpfung zu beteiligen, ja regionale Wertschöpfung erst zu ermöglichen und zu stabilisieren.
  • Der Staat hat dabei „nur" die Pflicht, einen angemessenen rechtlichen und regulatorischen Rahmen für genossenschaftliches Handeln zu schaffen. Genossenschaften können staatliches Handeln nicht ersetzen und haben auch keinen öffentlichen Auftrag. Sie sind Unternehmen ihrer Mitglieder, für diese tätig, von diesen getragen, finanziert und kontrolliert. Jedes Mitglied hat unabhängig von der Höhe der Einlage eine Stimme (§ 43 des Deutschen Genossenschaftsgesetzes). Auch das unterscheidet Genossenschaften grundlegend von den Finanzkonzernen. Und: Was die genossenschaftlichen Unternehmen erwirtschaften, fließt den Mitgliedern auf drei Wegen zu:
  • Über die Konditionen und Qualitätsstandards der Leistungen
  • Über die Verzinsung der Geschäftsanteile
  • Über die Investitionen in die Genossenschaft

Der langfristige Nutzen für die Mitglieder steht im Vordergrund, nicht die kurzfristige Verzinsung (Shareholder-Value). Gerade deswegen sind Genossenschaften heute wieder modern.

11.03. 2013 (4. Überarbeitete Fassung)

 

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12.10.2012

16. Oktober 2012: Vor 25 Jahren starb Joseph Höffner - der Kardinal aus dem Westerwald

An Heiligabend im Jahr 1906 wurde in Horhausen/Ww. Joseph Höffner als erstes von sieben Geschwistern geboren.
Zu seiner Familie und zur Region hielt er eine lebenslange Bindung. So liebte und pflegte er, der viele Fremdsprachen beherrschte, zeit seines Lebens seine Westerwälder Mundart. Der Bauernhof der Familie Höffner stand im Herzen des Dorfes nahe der 1904 eingeweihten St. Maria Magdalena Kirche, dem Mittelpunkt der Menschen.
Die meisten Männer arbeiteten in den Eisenerzgruben, die Bauern rangen dem kargen Boden die Erträge ab. Seine Verbundenheit zur Heimat und seine bäuerliche Herkunft prägten Joseph Höffner zeitlebens.
Sein Pfarrer bereitete ihn auf das Gymnasium vor, das er erst in Montabaur besuchte. 1922 wechselte er auf das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Trier, wo hundert Jahre zuvor Karl Marx das Abitur abgelegt hatte ebenso wie später der bedeutende Jesuit und Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning.
Man mag es für eine „List" der Geschichte halten, dass hier zwei katholische Gelehrte aufwuchsen, die den marxistischen Monopolanspruch auf soziale Problemlösung erfolgreich abwehrten, indem sie sich maßgebend an der sozialen Ausgestaltung der Marktwirtschaft beteiligten.
Nach dem Abitur 1926 trat Höffner ins Trierer Priesterseminar ein. Dort erkannte man schnell seine überragende Begabung, denn schon sechs Monate später wurde er zum Studium nach Rom geschickt. 1932 wurde er zum Priester geweiht. Seine römischen Studien schloss er 1934 mit einer Doktorarbeit ab, deren Thema zum Leitmotiv und Programm seines Lebens wurde: „Soziale Gerechtigkeit und soziale Liebe". Es ist eine Darstellung der „Grundpfeiler katholischer Gesellschaftsethik". Rechte und Pflichten ergänzen sich. Eine Gesellschaft gedeiht erst durch den freiwilligen Überschuss sozialer Liebe als sittlicher Tugend, welche die soziale Gerechtigkeit und damit das Gemeinwohl über das Notwendige und Selbstverständliche hinaus vervollkommnet.
Joseph Höffners weltweites Ansehen als Künder der Soziallehre der Kirche und sein Einsatz für das Zusammenwachsen der Weltkirche hatten ihre Wurzeln in seinen Studienjahren in Rom. Bereits dort begegnete er der Weltkirche. Diese Erfahrungen und seine Studien über Menschenwürde und Völkerrecht schärften seinen Blick für die internationalen Fragen. Sie werden vor allem in seinen Hauptwerken „Soziale Gerechtigkeit und soziale Liebe" sowie „Christentum und Menschenwürde" angesprochen.
Höffner kehrte nach Deutschland zurück und wurde Kaplan in Saarbrücken wo er erste Erfahrungen in der Seelsorge machte. Der Trierer Generalvikar stellte Höffner zu weiteren Studien frei und schickte ihn 1937 nach Freiburg, wo er eine zweite theologische Doktorarbeit verfasste („Bauern und Kirche im deutschen Mittelalter") und Nationalökonomie studierte. Als „studierter Volkswirt" (er wurde 1941 in Freiburg i. Br. als Schüler des großen Nationalökonomen Walter Eucken mit der Arbeit „Wirtschaftsethik und Monopole im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert" zum Dr. rer.pol. promoviert) war er prädestiniert, wirtschaftliche, soziale und ethische Gegebenheiten in ihrer Verknüpfung zu sehen.
Im Vorwort seiner Doktorarbeit „Bauern und Kirche im deutschen Mittelalter" wurde seine kritische Einstellung zum nationalsozialistischen Totalitarismus deutlich: „Unter Rassen und Völkern, die kommen und vergehen weiß sich die Kirche frei und unabhängig, denn ihr tiefstes Sein „ist weder jüdisch noch römisch noch griechisch; es ist nicht arisch, nicht mongolisch, nicht afrikanisch. Sehr klar war seine Absage an den religiös-politischen Fundamentalismus in der Zeit des Nationalsozialismus. In der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft rettete er in Kail das jüdische Mädchen Esther Sarah Majorowitz vor dem Zugriff der Nationalsozialisten; in Horhausen fand auf seine Bitte hin im Hause seiner Schwester Lena Hesseler das verfolge Ehepaar Dr. Hans und Dr. Edith Nowak Unterschlupf und dadurch Rettung. In Israel wurden Joseph Höffner (posthum) und seine Schwester im Jahre 2004 dafür durch die Aufnahme als „Gerechte unter den Völkern" in Yad Vashem geehrt.
1945 wurde Höffner zum Professor für Pastoraltheologie am Priesterseminar in Trier ernannt. 1951nahm er den Ruf nach Münster auf den Lehrstuhl für christliche Sozialwissenschaft an und gründete das „Institut für Christliche Sozialwissenschaften".
Er wurde Berater in wissenschaftlichen Beiräten der Bundesministerien für Familien- und Jugendfragen, für Wohnungsbau, für Arbeit und Sozialpolitik.
Er arbeitete an einem Gutachten zum Familienlastenausgleich, an Modellen zur Kapitalbildung und Vermögensbeteiligung der Arbeitnehmer, an Vorschlägen zum dynamischen Rentensystem und zum partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Arbeitern und Unternehmern. Er hatte von 1951 - 1962 die Aufgabe des „Geistlichen Beirates" des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU) übernommen. 1962 veröffentlichte er sein Lehrbuch „Christliche Gesellschaftslehre", es wurde in viele Sprachen übersetzt und gilt bis heute als Standardwerk mit weltweiter Verbreitung.
Am 14. September 1962 wurde Höffner zum Bischof von Münster geweiht. Wenige Wochen später nahm er an der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils teil, das er maßgeblich beeinflusste. „Der Christ darf nicht mürrisch am Zaun der Welt stehen und ärgerlich zusehen, was drinnen geschieht. Er muss über den Zaun steigen und handelnd und helfend mitten in der Welt von heute gegenwärtig sein als Salz und als Sauerteig!" Diesem seinem oft formulierten Anspruch folgte Höffner selbst und er sah Kirche und Staat als einander zugeordnet. Beide hatte er aufgerufen, das Gemeinwohl zu verwirklichen im Dienst der Menschen. Er setzte sich besonders für den Schutz des menschlichen Lebens ein. Immer setzte er auf die Kraft des Wortes und vermittelte klare Orientierung in einer verwirrten und verwirrenden Zeit. In Münster sollte Höffner nicht lange Bischof bleiben. Ende 1968 wurde er Nachfolger des Kölner Erzbischofs Josef Kardinal Frings und im gleichen Jahr von Papst Paul VI. zum Kardinal erhoben. Nach dem plötzlichen Tod von Kardinal Döpfner wählten die deutschen Bischöfe 1976 Höffner zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz. Deren Stellungnahmen wurden durch die Handschrift Höffners stark geprägt. Auf der Herbstvollversammlung in Fulda hielt er 1977 die erste seiner großen Grundsatzreferate:„Bischof Kettelers Erbe verpflichtet". Im Trend zum Versorgungsstaat sah Höffner Eigenverantwortung, Freiheit und Selbstständigkeit bedroht. In Anlehnung an Ketteler sagt er: „Ein Staat, der keine sittlichen Grundwerte anerkennen, sondern sich mit einer irgendwie funktionierenden äußeren Ordnung begnügen wollte, würde zerfallen. Recht und zeitübergreifende Sittlichkeit lassen sich nicht voneinander trennen. Vielfalt ist nur im Rahmen eines Ordnungsgefüges möglich, aber „das Grundgesetz ist kein Wechselrahmen mit einem der jeweiligen öffentlichen Meinung angepassten Inhalt. Vielfalt als solche besitzt keine integrierende Kraft. Ein totaler Pluralismus würde sich zerstörerisch auswirken."
Im achten Lebensjahrzehnt nahm sein Wirken eine weltkirchliche Dimension an. Schon die Wahl Karol Wojtylas zum Papst ließ seinen großen Einfluss erkennen. Der frühere Erzbischof von Krakau war ihm durch viele Begegnungen vertraut, in denen es um die Versöhnung Deutschlands mit den Polen ging. Johannes Paul II. fand in Höffner einen verlässlichen Ratgeber. Der Kölner Kardinal nahm an fünf römischen Bischofssynoden teil, bereiste im Auftrag des Papstes Länder und Ortskirchen in aller Welt. Weithin galt und gilt er als der Vertreter der katholischen Soziallehre schlechthin. Am 14. September 1987, dem Tag seines silbernen Bischofsjubiläums, nahm der Papst seinen Amtsverzicht als Erzbischof von Köln an.
Am 16. Oktober 1987 starb Joseph Kardinal Höffner. Er wurde im Hohen Dom zu Köln beigesetzt.

Josef Zolk

 

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„ Wer im Schweiße seines Angesichts sein Tagwerk verrichtet, muss sich und seine Familie von seiner Arbeit ernähren können."

Papst Leo XIII. - Sozialenzyklika „Rerum Novarum", 1891.

Das gilt für mich gestern wie heute.
Josef Zolk, 2010

 

Text von Josef Zolk, 57632 Flammersfeld, Südstraße 6, 24.08.2011

 

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15.09.2011

Mindestlohn wird kommen

In Deutschland hat sich seit Anfang der 2000-er Jahre ein Niedriglohnsektor entwickelt, in dem mittlerweile über 20 % aller Beschäftigten arbeiten. Niedriglöhne entstehen vor allem da, wo es keine funktionierende Tarifpartnerschaft gibt. In Westdeutschland wurde im Jahre 2009 für 65 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, in Ostdeutschland für 51 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ein Branchen- oder Firmentarif angewendet, wobei der Anteil der Beschäftigten, deren Lohn- und Arbeitsbedingungen durch einen Tarifvertrag geregelt werden, seit 1996 rückläufig ist.

Grundsätzlich ist in Deutschland die Lohnfindung Sache der Tarifpartner. Das unterstütze ich ausdrücklich. Und wenn Betriebe nicht der Tarifgemeinschaft angehören, aber trotzdem gute Löhne zahlen. Auch o.k. Da aber die Tarifbindung nachlässt, gibt es aber immer mehr tarifvertragsfreie Zonen, in denen Arbeitgeber die Löhne einseitig festlegen.

In weiteren Branchen ist ein Mindestlohn rechtlich möglich, aber nicht in Kraft gesetzt.

Besonders problematisch ist es aber, dass es in der Bundesrepublik Deutschland eine Vielzahl von nicht allgemeinverbindlichen Tarifverträgen gibt, nach denen Stundenlöhne von weniger als 6,00 Euro gezahlt werden (zum Beispiel liegt der Stundenlohn für Friseure im ersten Berufsjahr in Sachsen bei 3,82 Euro pro Stunde). Und 4,6 Millionen Beschäftigte erhielten im zweiten Halbjahr 2006 laut statistischem Bundesamt in Deutschland weniger al 7,50 Euro pro Stunde.

In 20 von 27 EU-Ländern wird heute ein Mindestlohn gezahlt. Eine Einheitlichkeit in der Unterschiedlichkeit in Europa kann niemand wollen, denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind zu groß. Aber das Grundproblem ist identisch. Und dort, wo es Mindestlöhne gibt, werden sie allgemein akzeptiert und begrüßt.

Glücklicherweise wird auch bei uns intensiv von sachkundigen Organisationen und Unternehmen diskutiert, was häufig verschwiegen wird:

Zwei Beispiele:

  • Der Discounter LIDL hat sich für einen Mindestlohn von zehn Euro im Lebensmitteleinzelhandel eingesetzt und begründet diese Forderung damit, dass sich nur mit einem verbindlichen Mindestlohn das in verschiedenen Branchen zu beobachtende Lohndumping unterbinden lasse.
  • Der Deutsche Juristentag hat sich mit deutlicher Mehrheit auf dem 68. Juristentag für einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland ausgesprochen. Der Mindestlohn solle „ein angemessenes Entgelt für Vollzeitarbeit und Ernährung der Familie gewährleisten" und so bemessen sein, dass auch im Alter keine staatliche Unterstützung notwendig sei.

 

Ein Lösungsweg ist eine allgemeine Lohnuntergrenze, die sich an der Höhe des Mindestlohnes in der Zeitarbeit orientiert, wie dies das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz ermöglicht. Die Tarifparteien schlagen danach gemeinsam eine Lohnuntergrenze vor, die auf einem Tarifvertrag über Mindeststundenentgelte basiert. Da Zeitarbeit branchenübergreifend ist, wäre dies ein guter Maßstab für eine allgemeine Lohnuntergrenze, die über alle Branchen hinweg gilt. Dann bliebe es beim Ja zur Tarifautonomie, die da ergänzt wird, wo sie nicht mehr greift. Natürlich ist das alles kompliziert, aber das Ziel zählt: Mindestlohn für die Beschäftigten. Die rechtlichen und politischen Zusammenhänge sind wahrlich schwierig. Aber der Weg lohnt. Für die Menschen und für den Sozialstaat.

Eine Lohnuntergrenze ist auch aus einem ordnungspolitischen Grund vernünftig. Immer mehr Betriebe beklagen Schmutzkonkurrenz durch Wettbewerber, die ihren Beschäftigten Dumpinglöhne zahlen. Lohnuntergrenzen sichern an dieser Stelle fairen Wettbewerb, auf dem die Soziale Marktwirtschaft schließlich fußt. Also: Mindestlohn ist aktiver Schutz für den Mittelstand.

Unsere Region ist durch mittelständische Betriebe und Unternehmen gekennzeichnet. Aus vielen Gesprächen mit unseren Unternehmerinnen und Unternehmern weiß ich, dass man nicht versteht, dass es den Mindestlohn noch nicht gibt. Denn: „Wer gut arbeitet, muss auch ordentlich verdienen", heißt es dort meist. Die Verantwortlichen in den Unternehmen sind sehr viel weiter, als die Funktionäre in den jeweiligen Verbänden. Wer Arbeitsplätze erhält und schafft, ist mir wichtiger als ein gut bezahlter Verbandsfunktionär ohne konkrete Verantwortung im Betrieb.

Hinzukommt: Wer im Arbeitsleben für Mindestlohn arbeiten muss, wird im Alter von der Grundsicherung leben müssen. Das ist nicht nur teuer für die Allgemeinheit, es ist auch herabwürdigend für die betroffenen Menschen.

Ich hoffe, dass die Diskussion in der Union eine allgemeine gesetzliche Lohnuntergrenze bringt. Alles andere wäre für die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, aber auch für die CDU schädlich, ja grausam für beide.

Josef Zolk

 

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Vortrag anlässlich 160 Jahre „Hülfsverein für die unbemittelten Landwirthe" bei der Westerwaldbank am 1.12.2009 im Bürgerhaus in Flammersfeld

Ein Leben in einer bewegten Zeit.
Historische Hinweise zu Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Der große Sozialreformer wurde 1818 im März in Hamm an der Sieg geboren, er ist 1888 im Dreikaiserjahr in Neuwied gestorben. Gleich hier eine erste Bemerkung zu Zeitgenossen: Wenige Monate nach Raiffeisen wird Karl Marx im Mai 1818 in Trier geboren, er stirbt im März 1883, also drei Jahre vor Raiffeisen.

Zurück zur Lebensspanne 1818 bis 1888 von Friedrich Wilhelm Raiffeisen:

 

  • Diese 70 Jahre des Friedrich Wilhelm Raiffeisen sind von einer ungeheueren Dynamik, sie sind eine Zeit des Wandels und des Umbruchs mit einer ungeheuren Dichte von Veränderungen und Neuerungen.

 

  • Diese 70 Jahre umfassen eine Epoche der Gegensätze, in der Altes noch Bestand hat, aber Neues daneben sich immer stärker ausbildet. Es ist eine Zeit der Idylle, aber auch eine Zeit der Verdächtigungen und Verfolgungen, der Verhaftungen und Verurteilungen. Es ist die Zeit des behaglich-privaten Lebens im kleinbürgerlichen Milieu des „Biedermeier", und es ist zugleich die Zeit, in der immer mehr Menschen politisches Bewusstsein entwickeln und von den Herrschenden die Teilhabe an der Macht fordern.

 

  • Diese 70 Jahre legen nach und nach ungeheuerliche Möglichkeiten des Handelns, Erkennens, Gestaltens, des Aufgreifens und Veränderns frei.

Es ist noch die Zeit der Postkutschen und doch schon der Eisenbahnen mit einem schnell wachsenden Schienennetz: Die industrielle Revolution steht an.

 

Ich will versuchen, Ihnen heute Abend einige Hinweise zu diesem 19. Jahrhundert zu geben, wohl wissend, dass vieles von dem, was ich vortrage, Ihnen bekannt ist, hoffentlich gelingt es dem gelernten Historiker in mir aber, einige Verknüpfungen herstellen zu können.

 

Ich fange vor Raiffeisens Geburt an:

 

  • 1807 erwirkt Karl Freiherr vom Stein folgendes Edikt: „Mit dem Martinstage 1810 hört alle Gutsuntertänigkeit auf. Mit dem Martinstage 1810 ergibt es nur freie Leute." Ich komme später noch einmal auf diese Bauernbefreiung zurück.

 

  • 1815 muss Napoleon endgültig abdanken und der Wiener Kongress hatte kurz zuvor eine europäische Ordnung hergestellt, die, soweit es Mittel- und Osteuropa betrifft, vornehmlich ein Werk der Monarchen - des russischen Zaren, des österreichischen Kaisers und des preußischen Königs - abbildet. In der beschlossenen „Heiligen Allianz" verpflichteten sich die drei Monarchen feierlich, ihre Ordnung zu garantieren und streng darüber zu wachen, dass künftig die mit der französischen Revolution freigesetzten Kräfte nicht erneut die eigenen Völker in Unruhe versetzen werden.

 

Auf deutschem Boden wurde das 1806 aufgelöste „Heilige Römische Reich deutscher Nation" nicht wiederbelebt; statt dessen entstand aus den noch existierenden oder wiederhergestellten 35 deutschen souveränen Fürstenstaaten und den verbliebenen vier freien Reichsstädten ein loser Staatenbund, der lediglich durch die ständig in Frankfurt am Main tagende Gesandtenkonferenz zusammengehalten wurde.

 

Das aber war nicht das, was viele erhofft hatten. Es war nicht das, was die nationale Bewegung, gepaart mit der liberalen Idee in der Forderung nach einer Verfassung, die Freiheitsrechte des einzelnen und die Mitwirkung des Volkes am politischen Geschehen festschreibt, erkämpfen wollte. Das war nicht das 1813 von den Dichtern der Freiheitskriege gegen Napoleon besungene deutsche Vaterland. Die demokratische Bewegung war aber nicht nur auf Deutschland beschränkt, sie erfasste fast das gesamte Kontinentaleuropa:

Die Polen und Ungarn, die Griechen und Italiener, die Tschechen und Kroaten erstrebten mehr Freiheit und die deutschen Freiheitskämpfer solidarisierten sich mit den genannten Völkern. Und auch der Polizeistaat konnte den Ruf nach Freiheit und Einheit nicht beenden, der immer wieder auch durch die deutschen Lande hallte.

 

Ich nenne wenige Beispiele:

 

  • 1817 das Wartburgfest

 

  • 1832 das große Hambacher Fest in der Pfalz. Hier trafen sich über 30.000 Menschen aus vielen Bevölkerungskreisen und Staaten. Dort wurden die Farben Schwarz-Rot-Gold gehisst, die später zu den Nationalfarben wurden.

 

  • 1837 die Göttinger Sieben

 

  • 1848 springt der Funke der Revolution von Frankreich auf Deutschland über.

Am 1. März 1848 beginnt mit der Besetzung des Ständehauses des badischen Landtags in Karlsruhe die Märzrevolution. Durch Aufstände der Bürger mussten viele konservative Politiker ihren Platz räumen, unter ihnen der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich, der noch im Wiener Kongress die Monarchie nach Napoleons Abtreten mitrestauriert und die Epoche seitdem geprägt hatte. Fast in allen deutschen Landen erhebt sich das Volk; alle Staaten stimmen der Durchführung allgemeiner und gleicher Wahlen und dem Zusammentritt einer Nationalversammlung in Frankfurt am Main zu. Mit Böllerschüssen und Glockengeläut wird der Einzug der gewählten Volksvertreter in Frankfurt gefeiert.

 

Unter dem Druck der revolutionären Ereignisse in Berlin seit dem 6. März 1848 gibt der preußische König Friedrich Wilhelm IV. zunächst nach, macht Zugeständnisse und akzeptiert vorerst die Einrichtung der Frankfurter Nationalversammlung.

Die Paulskirchenverfassung, die Deutschland in eine geeinte konstitutionelle Monarchie umgewandelt hätte, lehnt er jedoch ebenso ab wie die ihm angetragene Kaiserkrone, die er als bürgerliche „Lumpenkrone" bezeichnet.

Ich zitiere aus einem Brief des preußischen Königs vom Dezember 1848:

 

„Einen solchen imaginären Reif, aus Dreck und Letten gebacken, soll ein legitimer König von Gottes Gnaden, und nun gar der König von Preußen sich geben lassen, der den Segen hat, wenn auch nicht die älteste, doch die edelste Krone, die niemand gestohlen hat, zu tragen".

 

  • Und 1848 in Flammersfeld wird Friedrich Wilhelm Raiffeisen Bürgermeister. Flammersfeld hat ca. 4500  Einwohner, 1815 waren es noch ca. 3.200 Einwohner gewesen, um 1900 werden es dann knapp 6.000 Einwohner sein.

 

  • 1848 veröffentlichen Karl Marx und Friedrich Engels das Kommunistische Manifest, dort heißt es: „Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus". Das Manifest endet: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch".

 

  • Marx und Engels gründen am 5. April 1848 in Köln die kommunistische Partei und fordern die Verstaatlichung der Banken, Eisenbahnen, Kanäle, Dampfschiffe und Verkehrswege, die Beschränkung des Erbrechts und die Einführung starker Progressivsteuern.

 

  • Der Maiaufstand vom Mai 1849 wird niedergeschlagen und endet am 23. Juli 1849 mit der Einnahme von Rastatt durch preußische Truppen.

 

  • 1851 hebt der Deutsche Bund die „Grundrechte des deutschen Volkes" wieder auf.

Liberale, Demokraten und Sozialrevolutionäre werden verhaftet und zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Alle „verdächtigen" politischen Vereine werden verboten. Die Folgen der Unterdrückung sind Massenauswanderungen in die Schweiz, nach England und vor allem in die Vereinigten Staaten von Amerika.

 

Bald danach kommt es zur Auseinandersetzung Preußens mit der Großmacht Österreich um die Vormachtstellung im Deutschen Bund, die zum Preußisch-Österreichischen Krieg (später auch „Deutscher Krieg") von 1866 führt. Nachdem Preußen diesen Krieg für sich entschieden hatte, kommt es zur Auflösung des Deutschen Bundes. Preußen annektiert etliche nord- und mitteldeutsche Kriegsgegner, so dass sich die Zahl der deutschen Staaten weiter verringert.

 

 

  • Die Gründung des Norddeutschen Bundes als souveränen Staat zum 1.Juli 1867 unter preußischer Führung leitet die sogenannte kleindeutsche Lösung ein. Sie zielt entsprechend der Intention Bismarcks auf eine staatliche Einigung deutscher Einzelstaaten unter der Hegemonie Preußens ohne die Großmacht Österreich.

 

Das Deutsche Reich wird nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 und der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. vom ehemaligen Amt des Vorsitzenden des Bundesrates zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles ausgerufen.

 

Mit der Reichsgründung werden Gebiete eingegliedert, die noch nie oder lange nicht mehr zum Heiligen Römischen Reich gehört hatten.

Ich nenne West-, Ostpreußen, das überwiegend polnisch-sprachige Gebiet Posen und Schleswig. Frankreich muss (deutsch- und französisch­sprachige) Teilgebiete der Regionen Lothringen und Elsass abtreten.

 

Otto von Bismarck hatte als preußischer Ministerpräsident auf die Reichsgründung hingewirkt, maßgeblich die Verfassung entworfen und wird nun erster Reichskanzler. Seine Politik stützt die Macht des monarchischen Staates, in der Wahl seiner Mittel war er auch innenpolitisch nicht zimperlich:

  • Gegen die katholische Kirche führt er den sogenannten Kulturkampf, in dessen Folge auch Bischöfe inhaftiert wurden; inhaltlich waren die entsprechenden Gesetze (zur Schule, zur Ehe) oft eher liberal. Kaplan Dasbach war neben Franz Hitze und Ludwig Windhorst einer der großen Gegner von Bismarck.

 

  • Um die Liberalen zu schwächen, führt Bismarck bei Reichstagswahlen das demokratische Wahlrecht für alle Männer ein. Nationalliberale waren andererseits lange Zeit Partner Bismarcks.

 

Seine anfangs aggressive Außenpolitik ändert sich ab der Reichsgründung zu einer Bündnispolitik, die ein defensives Bündnissystem schuf, mit Deutschland als halbhegemonialer Macht in der Mitte Europas. Frankreich wird isoliert und ermutigt, sich auf seine Kolonien (und nicht auf das verlorene Elsass-Lothringen) zu konzentrieren.

 

Im Dreikaiserjahr 1888 stirbt Kaiser Wilhelm I. ebenso wie sein Nachfolger Friedrich III., Wilhelm II. wird Kaiser.

Im März eben dieses Jahres 1888 war Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Neuwied gestorben.

 

Mit Beginn des 19. Jahrhunderst schafft die wirtschaftliche Entwicklung eine völlig neue politische und soziale Situation: auch in Mitteleuropa setzt sich jetzt die industrielle Revolution durch.

 

Erfindungen revolutionieren die Arbeitsabläufe. (Folie 1)

Erfindungen 1785 bis 1885

 

1785

Cartwright erfindet den mechanischen Webstuhl

1804

Die erste Schienendampflokomotive wird 1804 von dem britischen Ingenieur Richard Trevithick für eine Bergwerksbahn bei Merthyr (England) gebaut

1807

Dampfschiff

1814

Dampflokomotive (Stephenson in England)

1821

baut der Engländer Michael Faraday den ersten Elektromotor.

1837

Morse erfindet den Telegraphen (Fernschreiber).

1838

Fotografie

1840

Erste Briefmarke

1856

Stahlgewinnung nach dem Bessemer-Verfahren (England). Im selben Jahr Erfindung der Anilin-Farben aus Steinkohlenteer.

1861

Reis erfindet das Telefon.

1870

wird das Fließband in den Schlachthäusern von Chicago angewandt.

1879

erfindet Edison die Elektro-Glühbirne. Werner von Siemens baute im gleichen Jahr die erste Elektrolok.

1882

erfindet der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison in New York das erste Kraftwerk, das 400 Lampen speist.

1885

wird das erste Motorrad (Urahn des Autos) von Gottlieb Daimler gebaut. Es hat einen 250 ccm Verbrennungsmotor mit 0,38 KW (0,5 PS). Es war ca. 12 km/h schnell. Im selben Jahr baut Karl Benz ein motorisiertes Dreirad (später bekam es ein viertes Rad ), das 10-15km/h schnell war.

 

Die Schwerindustrie wächst, industrielle Ballungs­räume entstehen, neue Finanzierungsmethoden über Aktiengesellschaften (zwischen 1818 und 1849 gab es in Deutschland nur 18 Aktien­gesellschaften, allein zwischen 1850 und 1859 werden 251 neue Aktiengesellschaften gegründet.) und Wirtschaftsbanken erlauben den Einsatz moderner Produktionsverfahren, kurz: Deutschland ist auf dem Weg zu einem modernen Industrieland.

 

Der entscheidende Impuls geht vom Eisenbahnbau aus. Das Schienennetz wächst sprunghaft:

Um 1845 waren es 3280 km, 1860 sind es schon über 11.000 km und 1870 fast 20.000 km. In den 60er Jahren schütten die Eisenbahngesellschaften zwischen 10 % und 20% Dividende aus. Gleichzeitig setzen sich Dampf- und Werkzeugmaschinen durch.

Für den Eisenbahnbau und den Ausbau der Schwerindustrie werden Arbeitskräfte in bisher unbekanntem Ausmaß benötigt.

 

Mit der Industrialisierung verändert sich die soziale Landschaft von Grund auf.

Neben einem wohlhabenden und selbstbewussten Industriebürgertum entsteht ein ständig wachsendes Industrieproletariat, das sich vor allem aus ehemals selbständigen Handwerkern und aus den in die großen Städte strömenden Landarbeitern rekrutiert.

Goethe, der 1832 stirbt, spricht - sehr zutreffend - von der Unbehaustheit der Menschen, die in den Hinterhöfen der Städte in unglaublich schlechten Umständen ihr Leben fristen.

 

In den schnell wachsenden Industriestädten leben viele Menschen in engen und feuchten Ein- oder Zweizimmerwohnungen. Die Mieten sind hoch und das Essen teuer. Ein Arbeiter muss mehr als 50 % seines Einkommens für Lebensmittel ausgeben.

 

Lange ignoriert der Staat die Not der Fabrikarbeiter und das Elend der Handwerksgesellen weitgehend. Ein Beispiel: Bereits 1817 lässt der preußische Staatskanzler Karl August Freiherr von Hardenberg eine Umfrage über die Lage der Fabrikarbeiter durchführen. Dabei kommt heraus, dass ein Hauptgrund für die Verelendung der Arbeiter die Lohndrückerei durch Kinderarbeit sei.

 

Doch die preußischen Beamten lehnen staatliche Eingriffe ab. Stattdessen empfehlen sie die Auswanderung, um die Massenarbeitslosigkeit zu senken. Außerdem wollen sie die Schulpflicht verschärfen, um so die Kinderarbeit einzuschränken. Das scheitert am Widerstand der Unternehmen und der Arbeiterfamilien, die Familien brauchen den Lohn der Kinder.

 

Die Überwindung der Armut wird zentrales innenpolitisches Thema. So kommt es 1837 erstmals zu einer parlamentarischen Debatte. Im badischen Landtag in Rastatt spricht der Professor und Politiker, Arzt und Jurist Franz Joseph Buß und fordert, die Kinderarbeit einzuschränken und die Arbeitszeit für Erwachsene auf 14 Stunden zu begrenzen.

Buß regt weiter an, dass der Staat die Arbeitsverhältnisse in den Fabriken gesetzlich regeln und durch ein Arbeits- und Wirtschaftsministerium überwachen soll. Zudem skizziert er die Grundzüge einer Kranken- und Unfallversicherung. Es wird noch lange dauern, bis diese Überlegungen greifen werden.

 

Ein wichtiger Schritt hin zu einem besseren Arbeitsschutz ist das preußische Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter vom März 1839. Es ist das erste Jugendarbeitsschutzgesetz. Allerdings: Der Staat sorgt sich hier mehr um die gesunden Soldaten als um die Gesundheit der Menschen. Trotzdem: Kinder unter neun Jahren dürfen nun nicht mehr in den Fabriken arbeiten, Jugendliche bis 16 Jahre höchstens 10 Stunden täglich.

 

Wie stärker die Industrialisierung fortschreitet, desto größer wird die Not.

Ein Beispiel, das wir ja auch der Literatur kennen: Im Juni 1844 kommt es in Schlesien zum Weberaufstand. Der Hintergrund: Die Unternehmer haben die ohnehin sehr niedrigen Stücklöhne aufgrund einer Absatzkrise gekürzt. Das ist uns allen durch Gerhart Hauptmann bekannt. Das Militär schlägt den Aufstand schnell nieder. Aber auch dieser Aufstand machte deutlich, dass soziale Reformen notwendig sind.

 

Im Zuge der Bauernbefreiung und der Kapitali­sierung der ländlichen Wirtschaftsbeziehungen mit dem nur saisonweise beschäftigten und notleiden­den Landarbeiterproletariat entsteht eine Art industrieller Reservearmee.

 

Mit sinkenden Reallöhnen verschlechtert sich die Situation zunehmend.  

Selbsthilfeorganisationen wie Konsumgenossen­schaften, Krankenversicherungen und Darlehens­kassen versuchen, die schlimmste Not zu lindern. In die gleiche Richtung zielen karitative Institutionen. Aber alle diese Einrichtungen stellen die bestehende politische, wirtschaftliche und soziale Ordnung nicht in Frage. Der Sozialismus dagegen zieht  radikale Konsequenzen und ruft zum Umsturz.

 

Ich will Ihnen im folgenden einen Überblick über die „Geschichte der sozialen Bewegungen" geben, dann einen Überblick über „Sozialpolitische Gesetze und Verordnungen" von 1839 bis 1890.

 

Geschichte der sozialen Bewegungen

 

1833

Gründung des Rauen Hauses in Hamburg-Horn durch Johann Hinrich Wichern

1845

Friedrich Engels veröffentlicht „Die Lage der arbeitenden Klassen in England

1845

Kolping gründet katholische Gesellenvereine

1847

Kolping wird Präses des Gesellenvereins in Elberfeld

(1850 „Rheinischer Gesellenbund")

1848

Wichern: Gründung der „Inneren Mission"

1848

Karl Marx veröffentlicht das „Kommunistische Manifest"

1848

Wilhelm Emanuel von Kettelers Predigten in Mainz über soziale Fragen

1849

Adolf Kolping gründet in Köln katholischen Gesellenverein

1849

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Flammersfelder Hülfsverein

1849

Schulze-Delitzsch gründet Genossenschaften

1860 ff.

Gründung christlich-sozialer Arbeitervereine (katholisch)

1863

Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins durch Ferdinand Lassalle unter maßgeblicher Mitwirkung von August Bebel und Karl Liebknecht in Eisenach (Eisenacher)

1869

Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei

1870

Gründung des Zentrums; in ihm wirkten als katholische Sozialpolitiker Georg von Hertling und Franz Hitze

1872

Gründung des Vereins für Socialpolitik (Kathedersozialisten)

1873

Abschluss des 1. Tarifvertrages (Buchdruckertarif)

1875

Vereinigung der „Lasselleaner" und „Eisenacher" zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands in Gotha (Gothaer Programm)

1877

Gründung des „Zentralvereins für Sozialreform" durch Rudolf Todt, Rudolf Meyer, Adolf Stöcker und Adolph Wagner

1878

Gründung der Christlich-Sozialen Arbeiterpartei durch Adolf Stöcker in Berlin

1884

Papst Leo XIII. empfiehlt Gründung katholischer Arbeitervereine

1890

Gründung des „Gesamtverbandes Evangelischer Arbeitervereine Deutschlands" in Berlin

1890

Gründung des Katholischen Volksvereins in Mönchen-Gladbach

1891

Sozialenzyklika Leos XIII. „Rerum novarum"

1893

Gründung des Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes (DHV)

1894

Gründung der Christlichen Gewerkschaften

1896

National-sozialer Verein (Friedrich Naumann)

1899

Gründung der evangelischen Frauenhilfe und des deutsch-evangelischen Frauenbundes

 

 

Zu 1875 Gotha „Gründung der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" durch Bebel und Liebknecht

 

Die Erfolge der Sozialisten waren anfangs sehr bescheiden. Im Reichstag 1871 sitzen zwei Abgeordnete, 1874 sind es neun und 1877 zwölf Abgeordnete. Trotzdem fordern Unternehmer ein Eingreifen des Staates gegen die sozialistischen Umtriebe. Das Wahlrecht zum Reichstag kann Bismarck jedoch nicht verändern. Sozialdemokraten werden in den Reichstag gewählt. 1890, am Ende der Unterdrückung, ist die Sozialdemokratie gefestigter denn je.

 

 

Bismarck nimmt zwei erfolglose Attentate auf Kaiser Wilhelm I. im Mai und im Juni 1878 zum Anlass, am 21. Oktober 1878 das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" durchzusetzen. Das zunächst auf drei Jahre befristete Gesetz wird bis 1890 verlängert und verbietet die Partei und die Gewerkschaften. Ungefähr 1500 Personen werden zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt, etwa 900 Personen ausgewiesen und viele zur Auswanderung gezwungen.

 

Die Auswandererwellen sind auch ein Spiegelbild der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung. So stieg als Folge der Sozialistengesetze die Zahl der Auswanderer von rd. 24.000 im Jahr 1878 auf über 210.000 im Jahr 1881.

 

Bismarck nimmt mit dem Sozialistengesetz die Peitsche, mit der Sozialversicherung gibt er Zuckerbrot.

 

Auf die Erfolge der linksliberalen und sozialdemokratischen Opposition bei der Reichtagswahl vom 27. Oktober 1881 antwortet der Reichskanzler mit der Kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881.

Sie nennt als Ziel staatlicher Sozialpolitik, „dass die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde". Die Botschaft stellt dem Reichstag die Aufgabe, Gesetzesvorlagen über die Unfallversicherung, Krankenversicherung sowie Alters- und Invalidenversicherung abzuschließen, 1883 tritt als erste Versicherung die Krankenversicherung in Kraft, 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Invaliditäts- und Altersversicherung.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich fasse zusammen:

Meinen Vortrag habe ich mit folgenden Sätzen begonnen:

 

  • Diese 70 Jahre des Friedrich Wilhelm Raiffeisen sind von einer ungeheueren Dynamik, sie sind eine Zeit des Wandels und des Umbruchs mit einer ungeheuren Dichte von Veränderungen und Neuerungen.
  • Diese 70 Jahre umfassen eine Epoche der Gegensätze, in der Altes noch Bestand hat, aber Neues daneben sich immer stärker ausbildet. Es ist eine Zeit der Idylle, aber auch eine Zeit der Verdächtigungen und Ver­folgungen, der Verhaftungen und Ver­urteilungen. Es ist die Zeit des behaglich-privaten Lebens im kleinbürgerlichen Milieu des „Biedermeier", und es ist zugleich die Zeit, in der immer mehr Menschen politisches Bewusstsein entwickeln und von den Herrschenden die Teilhabe an der Macht fordern.

 

  • Diese 70 Jahre legen nach und nach ungeheuerliche Möglichkeiten des Handelns, Erkennens, Gestaltens, des Aufgreifens und Veränderns frei.

 

Dem habe ich nur noch eine Anmerkung hinzuzufügen.

Die großen dramatischen politischen Weichenstellungen waren nicht im Zentrum der Arbeit von Friedrich Wilhelm Raiffeisen.

Er wollte die Not der Menschen lindern und zur Selbsthilfe aufrufen. Er war kein politischer Revolutionär. Er wollte keinen Umsturz. Nein: Aber seine Ideen waren gut und hilfreich.

Und sie tragen bis heute.

Er wollte wirtschaftliche Teilhabe in und durch die Genossenschaften.

Er hatte die Menschen im Blick in ihrer schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Situation.

Die Industriearbeit war noch nicht im Westerwald angekommen, die wirtschaftliche Situation der Landwirte und ihrer Familien forderte den jungen Bürgermeister.

Wie er den Flammersfelder Hülfsverein auf den Weg brachte, hören wir nachher von Albert Schäfer.

 

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Papst Benedikt XVI in seiner Sozialenzyklika:

„Der Mensch ist Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft"

 „Der Mensch ist Urheber, Mittelpunkt und Ziel aller Wirtschaft", so steht es im Kapitel 25 der Sozialenzyklika Caritas in veritate (Die Liebe in der Wahrheit)  von Papst Benedikt XVI.

Der Papst greift ausdrücklich pfadweisende Überlegungen der früheren Sozialenzykliken auf und spricht eine überraschend deutliche Sprache bei überraschend klaren inhaltlichen Linien. Er setzt Zeichen und Orientierung in der Wirtschaftskrise für alle, die Verantwortung tragen - ob in der Politik, in der Wirtschaft, in Gewerkschaften und Verbänden; ob als Finanzanleger oder Verbraucher.

Im Einzelnen:

 

  • Von der Arbeit muss man leben können.

Er fordert, allen Menschen Zugang zur Arbeit zu verschaffen und für den Erhalt der Arbeitsmöglichkeiten zu sorgen und hebt die „Würde der Arbeit" hervor. Deswegen gilt für den Papst, dass man von der Arbeit leben können muss. Deswegen lehnt er Lohndumping ab.

  • Ja zu Gewerkschaften und Tarifautonomie

Arbeitnehmervereinigungen (Gewerkschaften) sind für den Papst heute wichtiger denn je, er fordert neue Formen des Zusammenwirkens der Arbeitnehmerorganisationen- nicht nur auf nationaler sondern auch auf internationaler Ebene. Das ist auch ein klares Ja zur Tarifautonomie.

  • Keine Kinderarbeit

Eltern müssen in die Lage versetzt werden, ihre Kinder auf die Schule zu schicken, ohne dass die Kinder selbst arbeiten müssen. Damit prangert Benedikt XVI ausdrücklich den Skandal der Kinderarbeit an.

  • Kampf dem Hunger und dem Wassermangel in der Welt

Intensiv setzt sich der Papst mit dem Hunger in der Welt auseinander und fordert, dass die „strukturellen Ursachen", die den Hunger in der Welt hervorrufen, beseitigt werden und die landwirtschaftliche Entwicklung der ärmsten Länder gefördert wird. Ebenso fordert er eine gerechte Agrarreform in den Entwicklungsländern und solidarische Finanzierungspläne internationaler Institutionen zu Gunsten der Entwicklungsländer und ausreichende Ernährung und Zugang zum Wasser als „allgemeine Rechte aller Menschen".

  • Der Markt ist nötig, aber er braucht Moral.

Nachhaltig fordert der Papst, dass der Markt den Prinzipien der ausgleichenden Gerechtigkeit unterliege. Wenn der die Prinzipien der Gerechtigkeit nicht berücksichtige, sei er auch nicht in der Lage, für sozialen Zusammenhalt zu sorgen. Das Wirtschaftsleben muss das Gemeinwohl berücksichtigen, für den Ordnungsrahmen dazu muss die Politik sorgen - national und in der globalisierten Welt auch international.

Die Wirtschaft braucht für ihr korrektes Funktionieren  ethische Grundlagen. Die Soziallehre der Kirche leiste hierzu einen besonderen Beitrag, der sich auf die Erschaffung des Menschen als „Abbild Gottes" gründet, eine Tatsache, „von der sich die unverletzliche Würde der menschlichen Person ebenso herleitet wie der transzendente Wert der moralischen Normen".

  • Unternehmen tragen soziale Verantwortung.

Die Führung der Unternehmen darf nicht allein auf die Interessen der „Hauptaktionäre" achten, sondern muss auch die anderen Beteiligten berücksichtigen, die zum Leben des Unternehmens gehören: Arbeitnehmer, Kunden, Zulieferer. Scharf kritisiert der Papst die „kosmopolitische Klasse der Manager", die finanzielle Ressourcen zur Spekulation verwenden, nur den kurzfristigen Gewinn suchen und sich nicht um den langfristigen Bestand des Unternehmens sorgen.

  • Globalisierung ist weder gut noch schlecht.

Die Globalisierung ist weder gut noch schlecht, sie „wird das sein, was die Menschen daraus machen". Der Papst macht deutlich, die  „geplanten und ausgeführten Globalisierungsprozesse machen auf weltweiter Ebene eine noch nie da gewesene große Neuverteilung des Reichtums möglich; wenn diese Prozesse jedoch schlecht geführt werden, können sie hingegen zu einer Zunahme der Armut und der Ungleichheit führen sowie mit einer Krise die ganze Welt anstecken." Der Papst ist überzeugt, dass die wirtschaftliche Globalisierung durch nationale und unternationale Politik gelenkt werden muss, um zu verhindern, dass die Globalisierung "de facto die Fundamente die Demokratie untergräbt".

  • Den Bund zwischen Mensch und Umwelt stärken

Der Papst fordert verringerten Energieverbrauch in den technologisch fortschrittlichen Gesellschaften und eine globale Verantwortung für die Umwelt.

Wörtlich schreibt er: „Die Kirche hat Verantwortung für die Schöpfung und muss diese Verantwortung auch öffentlich geltend machen. Und wenn sie das tut, muss sie nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Gaben der Schöpfung verteidigen, die allen gehören. Sie muss vor allem den Menschen gegen seine Selbstzerstörung schützen".

 

Josef Zolk, M.A.

Bürgermeister der Verbandsgemeinde Flammersfeld
Mitglied der CDU-Sozialauschüsse (CDA)

 

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Politische Rhetorik oder eine Rede für alle Fälle –
Es gilt das gesprochene Wort


Anrede

Es besteht Handlungsbedarf, Handlungsbedarf für die Menschen. Die Tatsache, dass wir heute so engagiert - gegensätzlich im Detail und doch übereinstimmend im Grundsätzlichen - debattieren, zeigt, dass wir die Kraft haben, uns einigen zu können.

Das ist gut. Das ist notwendig. Klar und deutlich möchte ich dies unterstreichen, denn dies ist auch ein Beitrag gegen die Politikverdrossenheit. Nehmen wir unsere politische und gesellschaftliche Verantwortung wahr. Das ist die Querschnittsaufgabe, die in alle Politikbereiche hineingreift.
Wir müssen die Probleme und Sorgen der Menschen ernst nehmen, weil die Menschen sich sonst nicht ernst genommen fühlen. Wer Probleme ausspricht und sich über bestimmte Entwicklungen besorgt zeigt, stellt sich seiner Verantwortung. Denn Politik beginnt mit dem Betrachten der Realität. Dazu gehört aber auch, Probleme nicht hoch- und Gefahren nicht herbeizureden. Es hat einen Streit gegeben, einen Streit um Begriffe. Das war notwendig. Denn wer die Sprache besetzt, besetzt auch den Inhalt. Und dabei ist vieles von Ihnen bewusst verschwiegen worden.

Diese Nachlässigkeit beinhaltet eine klare Strategie. Worüber ich nicht spreche, das erkenne ich nicht, und was ich nicht erkenne, existiert auch nicht, und deswegen muss ich da auch nicht handeln. Sie schweigen die Probleme tot. Entweder erkennen Sie also die Probleme, die Aufgaben nicht, oder Sie haben keine vernünftigen Antworten. Ich weiß nicht was schlimmer ist. Wer sich so verhält, hat keine Berechtigung, politische Verantwortung wahrnehmen zu wollen.

Und dann haben Sie Ablenkungsvorschläge gemacht, sozusagen Nebelkerzen geworfen. Und in diesem selbst verursachten Nebel haben Sie dann selbst die Orientierung verloren und bei den Menschen Irritationen hervorgerufen. Dafür sind Sie verantwortlich.

Sie sind auch verantwortlich für den stark polemischen Charakter im letzten Teil der Diskussion. Das ist das Ergebnis dessen, was Sie immer wieder an Angst, Schrecken und Panik verbreiten. Hören Sie auf damit.

Im Grunde geht es doch um etwas anderes. Es geht um die Zukunft unseres Landes. Es wäre gut und wichtig, wenn Sie dazu etwas Konkretes sagen würden, damit nicht nur allgemeine Floskeln und schöne Erklärungen im Raum stehen. Ihre Vorschläge sind doch aus einer Vielzahl von sowohl demographischen, rechtlichen als auch technischen, aber auch technologischen und finanziellen und ökologischen Gründen nicht realisierbar.

Deswegen mein Rat, meine Bitte: Nehmen Sie die Realität zur Kenntnis: demographisch, rechtlich, technisch, technologisch, ökologisch und finanziell.

Einen Punkt will ich noch besonders hervorheben. Gravierende Veränderungen werden von Ihnen nur am Rande beachtet. Wer sich auch nur ein bisschen damit befasst, der weiß, wie groß die Fazilitäten sind, der weiß um die Schwierigkeiten. Unter Umständen wäre der ganze von Ihnen geforderte Aufwand noch vertretbar, wenn sich trotz der genannten Bedenken ein Effekt ergäbe, wodurch der derzeitige Zustand tatsächlich deutlich verbessert werden könnte. Davon kann aber keine Rede sein. Das zeigt uns die Grenzen auf, in denen wir uns bewegen, und innerhalb dieser Grenzen steigt das Spannungsverhältnis.

Auch das müssen wir berücksichtigen. Dabei - und das scheint unstrittig - besteht Handlungsbedarf. Sie haben in den letzten Wochen und Monaten alle Ansätze zur Verbesserung der Situation verhindert. Ihre Politik mit ihren Sonntagsreden und Ihren Vorzeigekampagnen hat jede Glaubwürdigkeit verloren. Sie steht im Übrigen auch im schroffen Gegensatz zu Ihren früheren Aussagen. Aber die haben heute sowieso nur Feigenblattfunktion.

Nehmen Sie die Fakten. Und die Fakten werden Ihre parteitaktischen Wunschvorstellungen widerlegen.

Sie fordern umfangreiche, statistische Erhebungen und Auswirkungen. Ich muss zugeben: Das klingt gut. Aber zuerst muss man zweierlei fragen:

1. Trifft das überhaupt zu, was Sie behaupten?

Und

2. Ist das, was Sie fordern, realistisch? Ich halte fest:

Sie fordern wider besseres Wissen und verübeln der Gegenwart, dass sie so ist, wie sie ist. Das ist Ihr Beitrag zum Kulturpessimismus. Das ist Ihr Beitrag zur Politikverdrossenheit. Wir debattieren einen zentralen Punkt deutscher Politik. Und ich halte diese Debatte für ein beachtliches Faktum. Denn, meine Damen und Herren, sie zeigt doch, welch gewachsener Stellenwert unserem Thema inzwischen zukommt. Ich komme zum Schluss!

Wir packen die Probleme, die  unsere Bürger bewegen, an. Nicht nur rhetorisch, nein ganz praktisch.

Und wir geben eine klare Antwort auf die Frage, was die Bürger von den konkreten Entscheidungen zu erwarten haben.

Josef J. Zolk M.A.
Flammersfeld
Ehemaliger Redenschreiber in einem Bundesministerium

 

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Raiffeisen, Dasbach, Höffner – drei sozialpolitische Gestalter aus dem Westerwald

Verf.: Josef Zolk, Bürgermeister der Verbandgemeinde Flammersfeld

Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Friedrich Wilhelm Raiffeisen, geb. in Hamm, (1811-1888)

Georg Friedrich Dasbach

Georg Friedrich Dasbach, geb. in Horhausen, (1846-1907)

Joseph Kardinal Höffner

Joseph Kardinal Höffner, geb. in Horhausen, (1906-1987)

Diese drei herausragenden sozialpolitischen Gestalter verbinden der Westerwald als Heimat und der Einsatz für die Menschen als Auftrag. Fast zwei Jahrhunderte umfasst die gemeinsame Lebensspanne. Ganz unterschiedliche politische und soziale Voraussetzungen finden sie vor, die bäuerliche und die vorindustrielle oder gerade beginnende industrielle, kapitalistisch geprägte Wirtschaftsform bis hin zur sozialen Marktwirtschaft, vom Wiener Kongress über die Bemühungen zur Einheit Deutschlands 1848, das Kaiserreich und den Kulturkampf, den 1. Weltkrieg, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und den 2. Weltkrieg, die zwei deutschen Staaten, den Sozialismus, die Weltkirche. Und doch verbindet die drei Westerwälder bei unterschiedlichen Aufgaben aufgrund der unterschiedlichen Zeitläufte die soziale Verantwortung um die Menschen. „Der Mensch im Mittelpunkt“, das verbindet sie. Dabei ist auffallend, welch große Gemeinsamkeiten sie verbindet.
Alle drei sind christlich geprägt. Evangelisch fundiert in tiefer Gläubigkeit Raiffeisen, katholische Priester mit vorzüglicher (römischer) Ausbildung und tiefer Gläubigkeit Dasbach und Höffner.

 

Alle drei sind im ländlichen Raum des Westerwaldes groß geworden.

 

Alle drei kämpferisch, wenn auch in unterschiedlicher Art und Weise: Raiffeisen beharrlich und unermüdlich, ungeheuer fleißig, organisatorisch hoch begabt. Dasbach beharrlich, unermüdlich, aufbrausend und polarisierend, ungeheuer fleißig, organisatorisch hochbegabt. Höffner beharrlich, unermüdlich, leise, ungeheuer fleißig, wissenschaftlich herausragend.

 

Alle drei nahmen sehr klar die sozialen Realitäten ihrer jeweiligen Zeit wahr  und versuchten Abhilfe bei Not und Ungerechtigkeit, gegen die sie sich entschieden wehrten, zu schaffen. Dabei fallen die Gemeinsamkeiten besonders auf: Raiffeisen und Dasbach kämpften entschieden gegen den Wucher im landwirtschaftlichen Bereich und sahen in ihm eines der großen Übel für die ländliche Bevölkerung. Dasbach und Raiffeisen sahen im Genossenschaftswesen die Chance zur besseren wirtschaftlichen Teilhabe der (bäuerlichen) Bevölkerung und setzten sich mit großem Engagement dafür ein, um Wucher, Armut und Not erfolgreich zu bekämpfen. Sie forderten und förderten unermüdlich die konkrete Eigentumsbildung der Bauern, Winzer und Bergleute. Beide gründeten Darlehenskassen und Landwirtschaftliche Banken, Dasbach nach dem Vorbild Raiffeisens, dessen Ideen und Lebenswerk er kannte, und mit dem er in eifrigem Briefwechsel stand. Leider ist dieser Briefwechsel in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges untergegangen.´

 

Alle drei sahen in einer breiten Eigentumsbildung der Bevölkerung eine wichtige politische Aufgabe, berühmt ist Höffners Rede zur Eigentumsbildung auf dem Bochumer Katholikentag 1949; berühmt ist aber auch, und da fällt die Identität des Ortes auf, der Beitrag Dasbachs auf der 36. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands 1890 in Bochum, auf der er sich entschieden für die Lösung der Sozialen Frage einsetzte. Raiffeisen setzte sich für die Erzbergleute im Siegerland, Dasbach für die Bergleute im Saarland ein, wenn sie auch zeitgebunden mit unterschiedlichen Methoden arbeiteten. Höffners Schrift über die Soziale Lage der Bergleute aus den 1950er Jahren verdeutlicht seine Kenntnis der Fragen und Themen. Gemeinsam ist allen die scharfe Wahrnehmung der sozialen Situation und die sich daraus, jeweils ergebende Aufgabe, für die sie Lösungen suchten, sehr praktisch und lebensnah Raiffeisen und Dasbach, theoretisch fundiert und begründet Höffner.

 

Raiffeisen war gerade Bürgermeister in Flammersfeld, als Marx und Engels 1848 das „Kommunistische Manifest“ veröffentlichten. Raiffeisen sah die Not der Menschen und versuchte konkret, nicht theoretisch, Lösungen im Interesse der Menschen zu finden. Er gründete aus der Mikrosicht seiner Arbeit heraus den „Flammersfelder Hilfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“, um Not zu lindern. Marx wollte das System ändern, Raiffeisen den Menschen helfen. Ähnlich bei Dasbach: Seine Arbeit an der Saar für die Bergarbeiter, sein Eintreten für die sozialen Belange seiner Wähler führten ihn in das Preußische Abgeordnetenhaus und in den Reichstag. Er wurde zusammen mit Windthorst einer der sozialpolitischen Gegenspieler Bismarcks, der mittels Kulturkampf, Sozialistengesetz und sozialpolitischem Reformwerk die konservative Reichsordnung erhalten wollte, während Dasbach sich sehr praktisch mit den Bergarbeitern an der Saar solidarisierte und sich in besonderem Maße für die Belange der unteren Volksschichten einsetzte.

 

Dasbach, der einsatzfreudige, aktive Politiker, der keinem Streit aus dem Weg ging, starb, als Höffner noch nicht ein Jahr alt war. Höffner, der Dasbachs Arbeit später ausdrücklich – auch schriftlich – würdigte, während es keine schriftlichen Zeugnisse Höffners zu Raiffeisen gibt, obwohl ihm Raiffeisen und Werk bekannt sein mussten, ging einen anderen, aber ebenso einflussreichen Weg. Als Berater vieler Bundesregierungen, Mitglied vieler politischer Kommissionen, als Geistlicher Beirat des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), als Professor, Bischof und Kardinal äußerte er sich zu vielen gesellschaftspolitischen Themen und Fragen. Er war gefragt, und er war oft unbequem. Nicht ruppig wie Dasbach, aber ebenso deutlich. Raiffeisen ist natürlich besonders bekannt für sein Engagement für die Menschen des ländlichen Raums, aber es darf nicht vergessen werden, dass ihm in seiner Neuwieder Zeit die Probleme der Industriearbeiter begegneten, mit denen er sich auseinander setzte und Lösungen bzw. Hilfen suchte für die einzelnen Menschen. Dasbach erfuhr die Auseinandersetzungen um die Proletarisierung der Arbeiterschaft ganz konkret in seiner politischen Tätigkeit und sozialen Wahrnehmung. Höffner setzte sich wissenschaftlich mit seiner fundierten volkswirtschaftlichen Ausbildung mit der Industrialisierung und der Ausgestaltung der sozialen Marktwirtschaft auseinander. Ein aktuelles Thema verbindet die drei sehr stark: Dasbach schreibt in seiner Interpretation zur Sozialenzyklika von Papst Leo XIII.: „ Der Arbeitslohn muss ausreichen für Nahrung, Wohnung und Kleidung des Arbeiters und seiner Familie“. Auch wenn die einzelnen Formulierungen unterschiedlich sind, die gleichen Gedanken finden wir bei Raiffeisen und Höffner. Es bleibt also ein Auftrag für die heutige Diskussion.

 

Alle drei sahen in der Würdigung der Familie eine zentrale christliche Aufgabe, deren Wichtigkeit nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

 

Alle drei hatten großes publizistisches Interesse und nahmen hier vielfältige Aufgaben wahr und sahen durch Publikationen große Chancen der Beeinflussung. Die Druckerei in Neuwied trägt bis heute Raiffeisens Namen. Seine Blätter trugen entscheidend dazu bei, seinen Ideen die große Resonanz zu verschaffen und den engen regionalen Bereich zu überschreiten. Natürlich ragt hier Dasbach mit seinen Zeitungen und Verlagen heraus, hier war er unermüdlich, er schrieb ja ausgesprochen gern und auch gern polemisch; und nutzte seine wechselnden Zeitungen als Propagandaorgane. Höffner versuchte ganz anders, aber ebenfalls nachhaltig durch seine große wissenschaftliche Arbeit Einfluss zu nehmen, was ihm national und international gelang. Seine „Christliche Gesellschaftslehre“ ist bis heute aktuell, im Ausland vielleicht mehr als in Deutschland.

Alle drei hatten sie großes Interesse am Ausbau der Bildung, Raiffeisen gründet z. B. in Neuwied die Volksbücherei, kümmert sich als Bürgermeister um Schulen und verlangt eine solide Ausbildung der Lehrer als Voraussetzung zur Verbesserung der Volksbildung.  Dasbach gab seinen Zeitungen, seiner Volksbibliothek, den Broschüren und Büchern volksbildnerische und politische Funktionen. Das Schriftenverzeichnis von Höffner zeigt, wie wichtig ihm dieses Thema „Bildung“ war.


Die Wege der drei sozialpolitischen Gestalter aus dem Westerwald waren so unterschiedlich wie ihre Temperamente. Gemeinsam ist ihnen die Sorge um das Wohl der Menschen und aus christlicher Sicht das Heil der Menschen. Kreativ, einfallsreich suchten sie Lösungen. Nicht für die Systeme, sondern für die Menschen. Warum der Westerwald  der Nährboden für die drei großen Gestalter sozialpolitischer Verantwortung ist, kann man nicht beantworten. Wir dürfen aber dankbar sein für ihr Werk und ihren Auftrag. „Der Mensch im Mittelpunkt“, dafür lohnt es auch heute zu denken, zu streiten, zu arbeiten.

 

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